"TEMPO"-Plagiate aus China
Von Christian Rommel

 
Im Jahr 1929 wurde von den Vereinigten Papierwerken Nürnberg ein völlig neuartiges Produkt auf den Markt gebracht: das Papiertaschentuch. Der Markenname “Tempo” steht stellvertretend für das gesamte Marken-Genre und zählt seit vielen Jahren zu einem der bekanntesten deutschen Produkt-Standards.

Der Popularität des hilfreichen Alltagsgegenstandes wurde nicht nur durch seine seine Qualität und Convenience-Funktion, sondern auch durch den leicht zu merkenden, zeitgeistigen Markennamen und sein markantes Packungserscheinungsbild gesteigert. Der eindeutige Wiedererkennungswert eines anerkannten Markenartikels gewährleistet in einer unüberschaubaren Warenwelt, in der tausende von Produkten um die Gunst der Verbraucher buhlen, den ausschlaggebenden, kaufstimulierenden Unterschied.

"Tempo"-Taschentücher sind ein hervorragendes Beispiel hierfür. Der auffällige, blau-weiße Packungsauftritt mit dem negativ gesetzten, leicht diagonal nach oben verlaufenden und unterstrichenem Signet, ist – im Kombination mit dem klar definierten Produktformat – absolut unverwechselbar. Das gilt in Europa genauso wie in den USA oder in China.

Seit der Einführung der “Tempos” in Hong Kong Anfang der 60er Jahre und in China Ende der 90er Jahre hat der zwischenzeitlich von Procter&Gamble – die Marke wurde inzwischen an den schwedischen Konzern SCA verkauft – hergestellte Hygieneartikel die Norm für die Packungsoptik aller Papiertaschentücher im “Reich der Mitte” vorgegeben.
Wider Willen ist “Tempo” dadurch nicht nur zum uneingeschränkten Marktführer geworden, sondern avancierte auch zum Trendsetter in Sachen Gestaltung von Papiertaschentuch-Packungen im Allgemeinen. Eine blau-weiße Packung im entsprechenden Format symbolisiert für jeden Chinesen ein Papiertaschentuch, das bereits aus großer Entfernung identifizierbar ist – unabhängig von der Herstellerfirma.

Es gibt wohl kaum ein anderes Markenprodukt, das so oft, so kunstvoll und so vielfältig nachgeahmt wurde, wie das beliebte "Tempo". Der Originalität und Kreativität der chinesischen Wettbewerber bei den Namensvariationen sind – wie man den Produkten in der Vitrine entnehmen kann – keine Grenzen gesetzt. Die Qualität des Produkts reicht jedoch von hochwertiger Ware bis zum allerbilligsten Schund. Das betrifft sowohl den Zellstoff an sich und dessen Verarbeitung als auch die Verpackungsfolienart und Bedruckungstechnik. Letztlich liegt auch das Preisniveau der chinesischen Kopien auf bis zu einem Viertel des Originals und das wiederum ist in China ein maßgebliches Kaufkriterium.

Ein Argument gegen den Kauf von Plagiaten ist immer die schlechte Qualität. Diese Begründung ist in einem Land wie China jedoch ambivalent, denn es setzt voraus, das der potentielle Käufer sowohl das Original als auch die Nachahmung kennt und über die Qualitätsunterschiede reflektiert, bevor er sich für das eine oder andere Produkt entscheidet.
Doch wie soll ein Erstkäufer die Qualität des “echten” Import-Papiertaschentuches von dem billigen, lokal hergestellten Imitat unterscheiden können? Woher soll er überhaupt wissen, wie das Original mit einer für ihn nicht lesbaren, weil mit ausländischer Schrift versehenen, Packungsaufschrift aussieht, geschweige denn, was es auszeichnet?

Manchmal entspricht auch der vermeintliche Umsatzausfall durch Plagiate nicht den Tatsachen. Ein chinesischer Bauer aus Sichuan würde – selbst wenn er das Original erkennen würde – nie eine echte "Tempo"-Packung für den vierfachen Preis der nachgeahmten „Tinpo“-Billigvariante "made in China" kaufen. Und dass das chinesische "Tompe"-Taschentuch weder nasenweich noch schneuzfest ist, wird ihm ziemlich egal sein.

Die Tatsache, dass dutzende von chinesischen Zellstoff-Produzenten seit vielen Jahren vom hohen Bekanntheitsgrad und der kongenialen Gestaltung von “Tempo” in unrechtmäßiger Weise partizipieren, soll hier nicht gerechtfertigt werden. Auch kann hier nicht die Frage beantwortet werden, warum dann ein billiges “Tunpo”-Plagiat überhaupt so genannt wird.
Es sollte jedoch der Blick dafür geöffnet werden, dass das oftmals ausschlaggebende Argument der arglistigen Konsumententäuschung durch Kopien und Fälschungen auf Kosten des Originals zumindest in Entwicklungsländern nicht immer die richtige Begründung liefern.

Christian Rommel, Hong Kong, März 2008
 
   
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Über Christian Rommel – Leihgeber Tempo-Sammlung

Die Sammlung “Tempo”, die ab 26. April 2008 im Museum Plagiarius in Solingen (www.plagiarius.com) gezeigt wird, ist eine Leihgabe von Christian Rommel, der bereits Ende der 80er Jahre, von Pakistan kommend in die Provinz Xinjiang (China) einreiste und dort seine erste “Tinpo”-Packung fand. Seitdem sind weit über 100 Variationen der Original “Tempos” dazugekommen.

Rommel hat China aus der Sicht des Individualtouristen, des Studenten an der Universität von Xian, des Fachjournalisten, des Handelspartners, des technischen Leiters eines Sino-Deutschen Joint Ventures in der Mandschurei und des selbständigen Marketing-Consultants kennengelernt. 1997 hat er dann in Hong Kong sein eigenes Unternehmen gegründet, die ROX Asia Consultancy Ltd. (www.roxasia.com), mit Service-Angeboten rund um Druck und Verpackung in Asien. Der gelernte Druckformhersteller und Diplom-Verpackungsingenieur hat inzwischen fast alle chinesischen Provinzen bereist und dabei die wohl weltweit größte Sammlung zeitgenössischer chinesischer Konsumgüter-Verpackungen zusammengestellt, die nach traditioneller Weise gestaltet worden sind. Der hierzu erschienene Bildband “China Packaging – im Reich des goldenen Drachen” wurde international ausgezeichnet.

Kontakt: Christian Rommel – www.roxasia.comrommel@roxasia.com