Im Jahr 1929 wurde
von den Vereinigten Papierwerken Nürnberg ein
völlig neuartiges Produkt auf den Markt gebracht:
das Papiertaschentuch. Der Markenname “Tempo”
steht stellvertretend für das gesamte Marken-Genre
und zählt seit vielen Jahren zu einem der bekanntesten
deutschen Produkt-Standards.
Der Popularität des hilfreichen Alltagsgegenstandes
wurde nicht nur durch seine seine Qualität
und Convenience-Funktion, sondern auch durch den
leicht zu merkenden, zeitgeistigen Markennamen und
sein markantes Packungserscheinungsbild gesteigert.
Der eindeutige Wiedererkennungswert eines anerkannten
Markenartikels gewährleistet in einer unüberschaubaren
Warenwelt, in der tausende von Produkten um die
Gunst der Verbraucher buhlen, den ausschlaggebenden,
kaufstimulierenden Unterschied.
"Tempo"-Taschentücher
sind ein hervorragendes Beispiel hierfür. Der
auffällige, blau-weiße Packungsauftritt
mit dem negativ gesetzten, leicht diagonal nach
oben verlaufenden und unterstrichenem Signet, ist
– im Kombination mit dem klar definierten
Produktformat – absolut unverwechselbar. Das
gilt in Europa genauso wie in den USA oder in China.
Seit der Einführung der “Tempos”
in Hong Kong Anfang der 60er Jahre und in China
Ende der 90er Jahre hat der zwischenzeitlich von
Procter&Gamble – die Marke wurde inzwischen
an den schwedischen Konzern SCA verkauft –
hergestellte Hygieneartikel die Norm für die
Packungsoptik aller Papiertaschentücher im
“Reich der Mitte” vorgegeben.
Wider Willen ist “Tempo” dadurch nicht
nur zum uneingeschränkten Marktführer
geworden, sondern avancierte auch zum Trendsetter
in Sachen Gestaltung von Papiertaschentuch-Packungen
im Allgemeinen. Eine blau-weiße Packung im
entsprechenden Format symbolisiert für jeden
Chinesen ein Papiertaschentuch, das bereits aus
großer Entfernung identifizierbar ist –
unabhängig von der Herstellerfirma.
Es gibt wohl kaum ein anderes Markenprodukt, das
so oft, so kunstvoll und so vielfältig nachgeahmt
wurde, wie das beliebte "Tempo". Der Originalität
und Kreativität der chinesischen Wettbewerber
bei den Namensvariationen sind – wie man den
Produkten in der Vitrine entnehmen kann –
keine Grenzen gesetzt. Die Qualität des Produkts
reicht jedoch von hochwertiger Ware bis zum allerbilligsten
Schund. Das betrifft sowohl den Zellstoff an sich
und dessen Verarbeitung als auch die Verpackungsfolienart
und Bedruckungstechnik. Letztlich liegt auch das
Preisniveau der chinesischen Kopien auf bis zu einem
Viertel des Originals und das wiederum ist in China
ein maßgebliches Kaufkriterium.
Ein Argument gegen den Kauf von Plagiaten ist immer
die schlechte Qualität. Diese Begründung
ist in einem Land wie China jedoch ambivalent, denn
es setzt voraus, das der potentielle Käufer
sowohl das Original als auch die Nachahmung kennt
und über die Qualitätsunterschiede reflektiert,
bevor er sich für das eine oder andere Produkt
entscheidet.
Doch wie soll ein Erstkäufer die Qualität
des “echten” Import-Papiertaschentuches
von dem billigen, lokal hergestellten Imitat unterscheiden
können? Woher soll er überhaupt wissen,
wie das Original mit einer für ihn nicht lesbaren,
weil mit ausländischer Schrift versehenen,
Packungsaufschrift aussieht, geschweige denn, was
es auszeichnet?
Manchmal entspricht auch der vermeintliche Umsatzausfall
durch Plagiate nicht den Tatsachen. Ein chinesischer
Bauer aus Sichuan würde – selbst wenn
er das Original erkennen würde – nie
eine echte "Tempo"-Packung für den
vierfachen Preis der nachgeahmten „Tinpo“-Billigvariante
"made in China" kaufen. Und dass das chinesische
"Tompe"-Taschentuch weder nasenweich noch
schneuzfest ist, wird ihm ziemlich egal sein.
Die Tatsache, dass dutzende von chinesischen Zellstoff-Produzenten
seit vielen Jahren vom hohen Bekanntheitsgrad und
der kongenialen Gestaltung von “Tempo”
in unrechtmäßiger Weise partizipieren,
soll hier nicht gerechtfertigt werden. Auch kann
hier nicht die Frage beantwortet werden, warum dann
ein billiges “Tunpo”-Plagiat überhaupt
so genannt wird.
Es sollte jedoch der Blick dafür geöffnet
werden, dass das oftmals ausschlaggebende Argument
der arglistigen Konsumententäuschung durch
Kopien und Fälschungen auf Kosten des Originals
zumindest in Entwicklungsländern nicht immer
die richtige Begründung liefern.
Christian Rommel, Hong Kong, März 2008
Fotos (300 dpi)
zum Download
Über Christian
Rommel – Leihgeber Tempo-Sammlung
Die Sammlung “Tempo”, die ab 26. April
2008 im Museum Plagiarius in Solingen (www.plagiarius.com)
gezeigt wird, ist eine Leihgabe von Christian Rommel,
der bereits Ende der 80er Jahre, von Pakistan kommend
in die Provinz Xinjiang (China) einreiste und dort
seine erste “Tinpo”-Packung fand. Seitdem
sind weit über 100 Variationen der Original
“Tempos” dazugekommen.
Rommel hat China aus der Sicht des Individualtouristen,
des Studenten an der Universität von Xian,
des Fachjournalisten, des Handelspartners, des technischen
Leiters eines Sino-Deutschen Joint Ventures in der
Mandschurei und des selbständigen Marketing-Consultants
kennengelernt. 1997 hat er dann in Hong Kong sein
eigenes Unternehmen gegründet, die ROX Asia
Consultancy Ltd. (www.roxasia.com), mit Service-Angeboten
rund um Druck und Verpackung in Asien. Der gelernte
Druckformhersteller und Diplom-Verpackungsingenieur
hat inzwischen fast alle chinesischen Provinzen
bereist und dabei die wohl weltweit größte
Sammlung zeitgenössischer chinesischer Konsumgüter-Verpackungen
zusammengestellt, die nach traditioneller Weise
gestaltet worden sind. Der hierzu erschienene Bildband
“China Packaging – im Reich des goldenen
Drachen” wurde international ausgezeichnet.