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Süddeutsche Zeitung - 05.11.2001
 
Der Markt ist satt Kampf gegen Kopisten - im Prenzlauer Berg wird ein Museum der Produkt-Plagiate eröffnet
Von Lars Quadejacob

Im Mutterland der Industrialisierung wusste man sich zu helfen: Weil immer mehr minderwertige Produktkopien deutscher Provenienz den englischen Markt überschwemmten, mussten diese ab 1877 den stigmatisierenden Aufdruck "Made in Germany" tragen. Bekanntlich wurden die Nachahmer so zwangsbekehrt, entwickelten selbst Qualitätsprodukte und den abwertenden Schriftzug zu einem Gütesiegel.

Doch so vergleichsweise fair ging es seitdem beim Streit um das geistige Eigentum am Entwurf selten zu. Deshalb gibt es seit über 100 Jahren Urheberrechts-Regelungen, die verhindern sollen, dass Schindluder mit fremden Entwürfen getrieben wird. Geholfen hat es wenig: 400 bis 600 Milliarden Mark Verluste entstehen heute weltweit den btroffenen Unternehmen und Designern Jahr für Jahr. Kein Bereich ist vor Fälschungen sicher, abgekupfert wird alles, was kommerziellen Erfolg hat: Vom Plastikbecher bis zum Straßenbahnzug.

Eine beredte Auswahl an Beispielen gibt es ab Dienstag in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg zu sehen, wenn das Museum Plagiarius seine Pforten öffnet. Damit hat in Berlin eine einzigartige Sammlung ihren Platz gefunden, die der Ulmer Designer Rido Busse - er ist auch Professor an der Kunsthochschule Weißensee - in 25 Jahren zusammengetragen hat. Über 150 Produkt-Paare aus Original und Fälschung umfasst die Sammlung des von ihm initiierten Vereins "Aktion Plagiarius", etwa zwei Drittel davon können jetzt in den Räumen in der ehemaligen "Pichhalle" gezeigt werden. Schlüsselerlebnis für Busse war ein Messebesuch im Jahre 1977. Damals sah er die Waage eines Produzenten aus Hongkong, die äußerlich aufs Haar seinem eigenen Entwurf für die Firma Soehnle glich. Doch nicht nur das: Kostete das Produkt des deutschen Markenherstellers 26 Mark, bekam man dafür gleich ein halbes Dutzend Plagiate. Busse beschloss selbst gegen das Unwesen vorzugehen. Sein Motto: "Wer kopiert, wird blamiert." Seitdem verleiht die Aktion jährlich den schwarzen Garten-zwerg mit der goldenen Nase - als Negativauszeichnung für den dreistesten Fälscher. Nur die Spitze des Eisbergs sind dabei die berüchtigten Fälschungen von Luxusware, die sich weitgehend auf die Imitation des Markenzeichens beschränken; Lacoste kennt allein 25 Varianten seines Krokodil-Logos. Im Produktdesignbereich hingegen wird oft akribisch nachgebaut. Bekanntestes Beispiel sind die modernen Klassiker etwa aus dem Umfeld des Bauhauses. Dabei ist das Recht hier noch vergleichs-weise eindeutig auf Seiten der Gestalter und ihrer Erben: Viele dieser Entwürfe sind mittlerweile gerichtlich als Kunstwerke anerkannt, ihnen ist bis zu 70 Jahre nach dem Tod des Entwerfers ein Urheberrecht zugesichert. Wer vorher nachbauen will, muss Lizenzgebühr zahlen.

Doch insgesamt ist der Designer, was seine schutzrechtliche Absicherung betrifft, das Schlusslicht unter den Kreativen: Jedes Musikstück oder jeder Film genießt automatisch Urheberrecht - egal welcher Qualität das Werk ist. Designern ist es aber nur in Ausnahmefällen gelungen, vor Gericht den dafür geforderten "hohen kulturellen Wert" nachzuweisen (der große Rest kann ein 20 Jahre gültges Geschmacksmuster anmelden). Diesen Weg durch die Instanzen hat etwa der Designer Till Behrens hinter sich gebracht. Nach 18 Gerichtsentscheiden wurde seinem "Kreuzschwinger"-Stuhl der Kunstwerksrang zugestanden. Bis dahin war er allerdings von 101 Firmen nachgebaut oder nachgeahmt worden.

Unter Plagiaten leiden nicht nur Hersteller gehobener Ware. Im Gegenteil, denn bei billigen Produkten ist der Kampf gegen Kopisten noch stärker ein Kampf gegen die Zeit, nämlich bis zur Marktsättigung. So stellte in den neunziger Jahren die Firma Artipresent Alltagsgegenstände aus durchsichtigem Kunststoff vor - von renommierten Designern gestalteter Kleinkram wie Seifenschalen oder Papierkörbe. Ehe sich die Firma mit den trägen Mitteln der Justiz wehren konnte, war der Markt durch eine Vielzahl von Nachahmern blockiert - und Artipresent pleite.