Der Markt ist satt Kampf gegen Kopisten
- im Prenzlauer Berg wird ein Museum der Produkt-Plagiate
eröffnet
Von Lars Quadejacob
Im Mutterland der Industrialisierung wusste man
sich zu helfen: Weil immer mehr minderwertige Produktkopien
deutscher Provenienz den englischen Markt überschwemmten,
mussten diese ab 1877 den stigmatisierenden Aufdruck
"Made in Germany" tragen. Bekanntlich wurden die
Nachahmer so zwangsbekehrt, entwickelten selbst
Qualitätsprodukte und den abwertenden Schriftzug
zu einem Gütesiegel.
Doch so vergleichsweise fair ging es seitdem beim
Streit um das geistige Eigentum am Entwurf selten
zu. Deshalb gibt es seit über 100 Jahren Urheberrechts-Regelungen,
die verhindern sollen, dass Schindluder mit fremden
Entwürfen getrieben wird. Geholfen hat es wenig:
400 bis 600 Milliarden Mark Verluste entstehen heute
weltweit den btroffenen Unternehmen und Designern
Jahr für Jahr. Kein Bereich ist vor Fälschungen
sicher, abgekupfert wird alles, was kommerziellen
Erfolg hat: Vom Plastikbecher bis zum Straßenbahnzug.
Eine beredte Auswahl an Beispielen gibt es ab Dienstag
in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg zu sehen,
wenn das Museum Plagiarius seine Pforten öffnet.
Damit hat in Berlin eine einzigartige Sammlung ihren
Platz gefunden, die der Ulmer Designer Rido Busse
- er ist auch Professor an der Kunsthochschule Weißensee
- in 25 Jahren zusammengetragen hat. Über 150 Produkt-Paare
aus Original und Fälschung umfasst die Sammlung
des von ihm initiierten Vereins "Aktion Plagiarius",
etwa zwei Drittel davon können jetzt in den Räumen
in der ehemaligen "Pichhalle" gezeigt werden. Schlüsselerlebnis
für Busse war ein Messebesuch im Jahre 1977. Damals
sah er die Waage eines Produzenten aus Hongkong,
die äußerlich aufs Haar seinem eigenen Entwurf für
die Firma Soehnle glich. Doch nicht nur das: Kostete
das Produkt des deutschen Markenherstellers 26 Mark,
bekam man dafür gleich ein halbes Dutzend Plagiate.
Busse beschloss selbst gegen das Unwesen vorzugehen.
Sein Motto: "Wer kopiert, wird blamiert." Seitdem
verleiht die Aktion jährlich den schwarzen Garten-zwerg
mit der goldenen Nase - als Negativauszeichnung
für den dreistesten Fälscher. Nur die Spitze des
Eisbergs sind dabei die berüchtigten Fälschungen
von Luxusware, die sich weitgehend auf die Imitation
des Markenzeichens beschränken; Lacoste kennt allein
25 Varianten seines Krokodil-Logos. Im Produktdesignbereich
hingegen wird oft akribisch nachgebaut. Bekanntestes
Beispiel sind die modernen Klassiker etwa aus dem
Umfeld des Bauhauses. Dabei ist das Recht hier noch
vergleichs-weise eindeutig auf Seiten der Gestalter
und ihrer Erben: Viele dieser Entwürfe sind mittlerweile
gerichtlich als Kunstwerke anerkannt, ihnen ist
bis zu 70 Jahre nach dem Tod des Entwerfers ein
Urheberrecht zugesichert. Wer vorher nachbauen will,
muss Lizenzgebühr zahlen.
Doch insgesamt ist der Designer, was seine schutzrechtliche
Absicherung betrifft, das Schlusslicht unter den
Kreativen: Jedes Musikstück oder jeder Film genießt
automatisch Urheberrecht - egal welcher Qualität
das Werk ist. Designern ist es aber nur in Ausnahmefällen
gelungen, vor Gericht den dafür geforderten "hohen
kulturellen Wert" nachzuweisen (der große Rest kann
ein 20 Jahre gültges Geschmacksmuster anmelden).
Diesen Weg durch die Instanzen hat etwa der Designer
Till Behrens hinter sich gebracht. Nach 18 Gerichtsentscheiden
wurde seinem "Kreuzschwinger"-Stuhl der Kunstwerksrang
zugestanden. Bis dahin war er allerdings von 101
Firmen nachgebaut oder nachgeahmt worden.
Unter Plagiaten leiden nicht nur Hersteller gehobener
Ware. Im Gegenteil, denn bei billigen Produkten
ist der Kampf gegen Kopisten noch stärker ein Kampf
gegen die Zeit, nämlich bis zur Marktsättigung.
So stellte in den neunziger Jahren die Firma Artipresent
Alltagsgegenstände aus durchsichtigem Kunststoff
vor - von renommierten Designern gestalteter Kleinkram
wie Seifenschalen oder Papierkörbe. Ehe sich die
Firma mit den trägen Mitteln der Justiz wehren konnte,
war der Markt durch eine Vielzahl von Nachahmern
blockiert - und Artipresent pleite.