Design: Rido Busse ist seit 25 Jahren
geistigem Diebstahl auf der Spur. Produktpiraten
immer dreister.
Mitte Februar wurde auf der Frankfurter Messe "Ambiente"
zum 25. Mal der Plagiarius "verliehen". Ex-BDI-Präsident
Hans-Olaf Henkel vergab den schwarzen Gartenzwerg
mit goldener Nase für die dreistesten Produktpiraterien.
Mit der "Aktion Plagiarius" kämpft der Design-Professor
Rido Busse seit 1976 gegen geldgierige Fälscher
und Nachahmer von Produkten, die mit ihren Plagiaten
nach Angaben der Europäischen Kommission auf 5 %
bis 7 % des gesamten Welthandels kommen.
Den 1. Preis vergab eine aus Vertretern von Wirtschaft,
Design und Medien bestehende Jury an die Firma Lauder
in Griechenland, die einen Wasserkocher der Siemens
+ Bosch Hausgeräte GmbH, München, bis ins kleinste
Detail kopierte. Der 2. Preis wurde der Heinrich
Deichmann KG in Essen für das Plagiat eines Rucksacks
der Firma Bree Collections in Isernhagen zuerkannt,
und der 3. Preis ging an die chinesische Evergood
Industrial Ltd. für die Imitation eines Korkenziehers
von Brabantia Nederland BV.
Zudem wurden "Auszeichnungen" an drei deutsche und
vier chinesische Unternehmen vergeben. Die von ihnen
kopierten Produkte reichen vom simplen Haushaltsgegenstand
bis zum Hightech-Verkehrsmittel: ein Bar-1 Kompass,
ein Brettspiel, zwei Isolierkannen, ein Eiskratzer,
ein Hausgeräte-Sortiment und eine komplette "Niederflurstraßenbahn".
Den "Sonderpreis für Wiederholungstäter" erhielt
die Firma Glaser in Groß-Umstadt für das Plagiat
einer Türgriff-Kollektion von Schneider + Fichtel
in Rottenburg, und einen "Jubiläums-Plagiarius"
bekam M. Westermann & Co. in Arnsberg für das Imitieren
eines Kreuzschwingers. Dieser Stuhl wurde als Ganzes
oder in Teil-Elementen einschließlich aller Ausführungs-,
Gestaltungs- und Material-Varianten bislang 101-mal
von nationalen und internationalen Produktpiraten
plagiiert. Eine ärgerliche Bilanz der Entwicklung
in den zurückliegenden 25 Jahren zog Plagiarius-Initiator
Busse: "Die Plagiate werden immer besser, und zwar
besser nicht im Hinblick auf die Qualität, sondern
besser im Hinblick darauf, dass man sie schwerer
packen kann." Richter würden sehr oft nur die Produkte
nebeneinander legen, und wenn die Übereinstimmung
nicht 100-%ig sei, dann werde sie nicht festgestellt.
Die Plagiatoren nützen dies, indem sie gerade so
viel Details verändern, dass sie bei Gericht mit
ihren Nachahmungen durchkommen. Trotz der minimalen,
aus juristischen Gründen erforderlichen Änderungen
profitieren sie von ihrer Piraterie, weil der Eindruck
des Identischen mit dem Original erhalten bleibt.
Von den Produktfälschern wird enormes Geschick entwickelt,
wenn es darum geht, den doch etwas strenger gewordenen
gerichtlichen Bewertungen mit raffinierten Tricks
auszuweichen.
Höchst verwundert zeigte sich Hans-Olaf Henkel in
seiner "Laudatio" auf die Preisträger angesichts
der Skrupellosigkeit, mit der die Plagiatoren geistigen
Diebstahl begehen. Er stellte fest, dass es zwar
nicht grundsätzlich falsch ist, wenn man sich an
guten Vorbildern orientiert. Doch das "Abkupfern
vom Produkten" habe nichts zu tun mit dem Ausrichten
an den Besten, für das sich der Ausdruck "Benchmarking"
eingebürgert hat. "Es gibt inzwischen fast nichts,
was nicht nachgeahmt wird, und es sind in großem
Umfang auch Industriegüter - bis hin zu Flugzeugteilen,"
beklagte Henkel. Besonders hart sei die Software-Industrie
betroffen; in der EU werde nach Schätzung der Kommission
fast 40 % der Umsätze mit kopierter Software erzielt.
Deshalb empfahl er allen Unternehmen, die rechtlichen
Schutzmöglichkeiten durch Patente, Marken, Geschmacksmuster
und Urheberrechte auszunutzen.