Die Angst vor dem schwarzen Zwerg.
Zum 25. Mal werden dreiste Nachahmer und Ideendiebe
angeprangert / Zwölf Unternehmen haben sich eine
goldene Nase verdient.
Er habe in den letzten Jahren bei vielen Preisverleihungen
mitgewirkt, doziert Hans-Olaf Henkel launig, dies
aber sei das erste Mal, dass man ihn auffordere,
eine Lobrede auf Rechtsbrecher zu halten. Sichtlich
Spaß hat der Ex-BDI-Präsident bei seiner Laudatio
auf Gewinner des "Plagiarius" - eines schwarzen
Gartenzwergs mit goldener Nase. Die nämlich kann
man sich mit nachgemachten Produkten verdienen.
Drum wird der Preis für besonders dreisten Ideenklau
jährlich verliehen, jüngst in Frankfurt war's das
25. Mal. Darüber will bei den Geehrten allerdings
keine rechte Freude aufkommen. Die Firmen haben
Angst vor dem Zwerg. Verständlich, denn wer mit
dem Gnom ausgezeichnet wird, soll öffentlich blamiert
werden; oder wie es Henkel ausdrückt: "Was hier
prämiert wird, darf keine Schule machen."
Das Problem ist evident. Einerlei, ob Armbanduhren
oder Arzneimittel, ob Computersoftware oder Kosmetikartikel
- kein Produkt ist heute vor Plagiatoren sicher.
Hans-Olaf Henkel betonte in Frankfurt, dass sich
der Wert gefälschter Produkte auf bis zu 7 Prozent
des Weithandels beläuft. Den wirtschaftlichen Schaden
beziffert er auf jährlich 400 bis 600 Milliarden
Mark; den Verlust an Arbeitsplätzen nicht mitgerechnet.
Allein in Deutschland, schätzt der Industrie- und
Handelstag, gehen der Wirtschaft durch nachgemachte
Produkte jedes Jahr 15 Milliarden Mark verloren.
Was viele als Kavaliersdelikt ansehen, kann für
die Opfer den Ruin bedeuten.
Dies hat der Ulmer Designer Rido Busse, der geistige
Vater des schwarzen Zwergs, bereits 1977 erkannt.
Damals war er selbst Opfer. Während der Frühjahrsmesse
in Frankfurterspähte Busse auf dem Stand eines Herstellers
aus Hongkong ein offensichtlich exaktes Plagiat
seiner Brief- und Diätwaage. Die Firma Soehnle verkaufte
das Busse-Original für 26 Mark. Der chinesische
Hersteller bot das Plagiat im Dutzend billiger an:
Sechs Stück für 24 Mark, im Ladenpreis unter 10
Mark. Kein Wunder, denn statt hochwertigem ABS-Kunststoff
verwendete der Plagiator Polypropylen, was die Wiegegenauigkeit
empfindlich beeinträchtigte. Zwar konnte Busse Ñ
per einstweilige Verfügung - den Hersteller zwingen,
die Waage vom Stand zu entfernen. Doch keine zwei
Monate vergingen, und ein anderer Hongkong-Exporteur
brachte das Modell wieder auf den deutschen Markt.
Seitdem hat Rido Busse eine Mission. Er will die
Öffentlichkeit wachrütteln und für das Problem von
Raubdesign sensibilisieren. Auf seine Initiativen
ist der 66-jährige Designer stolz: Dass 1990 ein
neues Gesetz zur Bekämpfung der Produkt- und Markenpiraterie
im Bundesjustizministerium ausgearbeitet wurde,
rechnet sich der Vorkämpfer für Design-Schutzrechte
als sein Verdienst an. "Plagiate waren kein Thema",
erinnert sich Busse, "da war ein Gefühl der Ohnmacht
bei Designern und Achselzucken beim Handel. Aber
es hat sich einiges geändert." Nicht zuletzt aufgrund
der Beharrlichkeit eines Rido Busse. "Liest man
den Text des Gesetzes aufmerksam", attestiert sich
Busse anerkennend, "so weiß man, dass sämtliche
Veröffentlichun-gen der Aktion Plagiarius in Bonn
vorgelegen haben." Dabei war die "Aktion Plagiarius"
zunächst nur seine Sache: "In einer Art Einmann-Bürgerinitiative",
erinnert sich Busse, "habe ich nach meinem Messebesuch
die Negativauszeichnung für den ,besten" Plagiator
gestiftet."
Mit dem Plagiarius ist es Busse gelungen, wirksam
auf den weit verbreiteten Ideenklau im Industriedesign
hinzuweisen. Diesem Delikt war juristisch lange
Zeit kaum beizukommen. Die Schutzrechte, die auf
das Design angewandt werden können, stammten aus
einer Zeit, so Busse, "da der Begriff Industrial
Design noch gar nicht erfunden war" - nämlich aus
den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Folglich
lag die "positive Prozessquote bei Klagen gegen
die Nachahmung von Industriedesign und Mode-Grafik
bei 2 bis 5 Prozent", erinnert sich Busse. "Sicherlich
hat das Gesetz den Fälschern von Arzneimitteln,
Ersatzteilen, Tonträgern, Jeans und so weiter das
Leben ein wenig schwerer gemacht, aber für Plagiatoren
der mittleren und kleinen Firmen, die Mode, Uhren
und Haushaltsgeräte und Sanitärartikel klauen, ist
nichts Schlimmes herausgekommen. Denn welcher Hersteller
traut sich schon, eine einstweilige Verfügung zu
beantragen für ein Plagiat, das zwar in Einzelheiten
etwas vom Original abweicht, im Gesamterscheinungsbild
dem Käufer aber das Original vorgaukelt?" Zudem
sähen viele Richter ein Plagiat als Kavaliersdelikt
an.
Und so wird Rido Busse nicht müde, den Dieben weiterhin
mit dem schwarzen Zwerg namens Plagiarius zu winken,
eine Drohung, die Busse als "ein Stück praktische
Design-Publizistik" verstanden wissen will. Mittlerweile
hat der Zwerg Gesellschaft bekommen: Händler, die
wissentlich abgekupferte Ware feilbieten, erhalten
von Busse den Krämerseelen-Preis. Zudem wird seit
1998 alle zwei Jahre für Spielzeughersteller der
Plagiarius Toy verliehen. Und damit nicht genug:
Im Jahr des Plagiarius-Jubiläums will Busse in Berlin
ein Museum mit all den prämierten -, Produkten eröffnen
- auf dass den Plagiatoren der Spaß vergehen möge.
Am 17. Mai soll das Schreckenskabinett des Rido
Busse seine Pforten Öffnen.