Veröffentlichungen



 
Horizont - 01.03.2001
 
Die Angst vor dem schwarzen Zwerg. Zum 25. Mal werden dreiste Nachahmer und Ideendiebe angeprangert / Zwölf Unternehmen haben sich eine goldene Nase verdient.

Er habe in den letzten Jahren bei vielen Preisverleihungen mitgewirkt, doziert Hans-Olaf Henkel launig, dies aber sei das erste Mal, dass man ihn auffordere, eine Lobrede auf Rechtsbrecher zu halten. Sichtlich Spaß hat der Ex-BDI-Präsident bei seiner Laudatio auf Gewinner des "Plagiarius" - eines schwarzen Gartenzwergs mit goldener Nase. Die nämlich kann man sich mit nachgemachten Produkten verdienen. Drum wird der Preis für besonders dreisten Ideenklau jährlich verliehen, jüngst in Frankfurt war's das 25. Mal. Darüber will bei den Geehrten allerdings keine rechte Freude aufkommen. Die Firmen haben Angst vor dem Zwerg. Verständlich, denn wer mit dem Gnom ausgezeichnet wird, soll öffentlich blamiert werden; oder wie es Henkel ausdrückt: "Was hier prämiert wird, darf keine Schule machen."

Das Problem ist evident. Einerlei, ob Armbanduhren oder Arzneimittel, ob Computersoftware oder Kosmetikartikel - kein Produkt ist heute vor Plagiatoren sicher. Hans-Olaf Henkel betonte in Frankfurt, dass sich der Wert gefälschter Produkte auf bis zu 7 Prozent des Weithandels beläuft. Den wirtschaftlichen Schaden beziffert er auf jährlich 400 bis 600 Milliarden Mark; den Verlust an Arbeitsplätzen nicht mitgerechnet. Allein in Deutschland, schätzt der Industrie- und Handelstag, gehen der Wirtschaft durch nachgemachte Produkte jedes Jahr 15 Milliarden Mark verloren. Was viele als Kavaliersdelikt ansehen, kann für die Opfer den Ruin bedeuten.

Dies hat der Ulmer Designer Rido Busse, der geistige Vater des schwarzen Zwergs, bereits 1977 erkannt. Damals war er selbst Opfer. Während der Frühjahrsmesse in Frankfurterspähte Busse auf dem Stand eines Herstellers aus Hongkong ein offensichtlich exaktes Plagiat seiner Brief- und Diätwaage. Die Firma Soehnle verkaufte das Busse-Original für 26 Mark. Der chinesische Hersteller bot das Plagiat im Dutzend billiger an: Sechs Stück für 24 Mark, im Ladenpreis unter 10 Mark. Kein Wunder, denn statt hochwertigem ABS-Kunststoff verwendete der Plagiator Polypropylen, was die Wiegegenauigkeit empfindlich beeinträchtigte. Zwar konnte Busse Ñ per einstweilige Verfügung - den Hersteller zwingen, die Waage vom Stand zu entfernen. Doch keine zwei Monate vergingen, und ein anderer Hongkong-Exporteur brachte das Modell wieder auf den deutschen Markt.

Seitdem hat Rido Busse eine Mission. Er will die Öffentlichkeit wachrütteln und für das Problem von Raubdesign sensibilisieren. Auf seine Initiativen ist der 66-jährige Designer stolz: Dass 1990 ein neues Gesetz zur Bekämpfung der Produkt- und Markenpiraterie im Bundesjustizministerium ausgearbeitet wurde, rechnet sich der Vorkämpfer für Design-Schutzrechte als sein Verdienst an. "Plagiate waren kein Thema", erinnert sich Busse, "da war ein Gefühl der Ohnmacht bei Designern und Achselzucken beim Handel. Aber es hat sich einiges geändert." Nicht zuletzt aufgrund der Beharrlichkeit eines Rido Busse. "Liest man den Text des Gesetzes aufmerksam", attestiert sich Busse anerkennend, "so weiß man, dass sämtliche Veröffentlichun-gen der Aktion Plagiarius in Bonn vorgelegen haben." Dabei war die "Aktion Plagiarius" zunächst nur seine Sache: "In einer Art Einmann-Bürgerinitiative", erinnert sich Busse, "habe ich nach meinem Messebesuch die Negativauszeichnung für den ,besten" Plagiator gestiftet."

Mit dem Plagiarius ist es Busse gelungen, wirksam auf den weit verbreiteten Ideenklau im Industriedesign hinzuweisen. Diesem Delikt war juristisch lange Zeit kaum beizukommen. Die Schutzrechte, die auf das Design angewandt werden können, stammten aus einer Zeit, so Busse, "da der Begriff Industrial Design noch gar nicht erfunden war" - nämlich aus den siebziger Jahren des 19. Jahrhunderts. Folglich lag die "positive Prozessquote bei Klagen gegen die Nachahmung von Industriedesign und Mode-Grafik bei 2 bis 5 Prozent", erinnert sich Busse. "Sicherlich hat das Gesetz den Fälschern von Arzneimitteln, Ersatzteilen, Tonträgern, Jeans und so weiter das Leben ein wenig schwerer gemacht, aber für Plagiatoren der mittleren und kleinen Firmen, die Mode, Uhren und Haushaltsgeräte und Sanitärartikel klauen, ist nichts Schlimmes herausgekommen. Denn welcher Hersteller traut sich schon, eine einstweilige Verfügung zu beantragen für ein Plagiat, das zwar in Einzelheiten etwas vom Original abweicht, im Gesamterscheinungsbild dem Käufer aber das Original vorgaukelt?" Zudem sähen viele Richter ein Plagiat als Kavaliersdelikt an.

Und so wird Rido Busse nicht müde, den Dieben weiterhin mit dem schwarzen Zwerg namens Plagiarius zu winken, eine Drohung, die Busse als "ein Stück praktische Design-Publizistik" verstanden wissen will. Mittlerweile hat der Zwerg Gesellschaft bekommen: Händler, die wissentlich abgekupferte Ware feilbieten, erhalten von Busse den Krämerseelen-Preis. Zudem wird seit 1998 alle zwei Jahre für Spielzeughersteller der Plagiarius Toy verliehen. Und damit nicht genug: Im Jahr des Plagiarius-Jubiläums will Busse in Berlin ein Museum mit all den prämierten -, Produkten eröffnen - auf dass den Plagiatoren der Spaß vergehen möge. Am 17. Mai soll das Schreckenskabinett des Rido Busse seine Pforten Öffnen.