Breitseite auf Piraten. Zoll im
Kampf gegen Produktfälscher erfolgreich - Wanderausstellung
zeigt Original und Plagiat.
Es war der Lieferweg, der die Zöllner im Hamburger
Hafen stutzig machte: Die Fahrzeugteile kamen aus
der Türkei und sollten über Deutschland in den Nahen
Osten verschifft werden. "Das sind die Fälle, in
denen unsere Leute die Kisten aufmachen", erklärt
Klaus Hoffmeister, Leiter der Zentralstelle Gewerblicher
Rechtsschutz in München.
Ein sperriger Titel für einen Sisyphusjob. 'Hoffmeister
koordiniert bundesweit den Kampf des Zolls gegen
die Produkt- und Markenpiraterie. Die Hamburger
Kollegen hatten den richtigen Riecher. Sie beschlagnahmten
gefälschte Mercedes-Sterne und Blattfedern mit der
Aufschrift "Made in Germany". Der Weg über Hamburg
sollte den türkischen Plagiaten deutsche Frachtpapiere
bescheren. Die Statistik der Piraten-Jäger kann
sich sehen lassen. Im vergangenen Jahr stellte der
Zoll gefälschte Markenartikel im Wert von 185,8
Millionen Mark sicher - gegenüber dem Vorjahr (41,6
Mio.) eine Steigerung um knapp 350 Prozent. Ein
Erfolg, der zu denken gibt. Zwar sind die amtlichen
Kontrollen sowie die Sicherungssysteme der Markenhersteller
effektiver geworden. Zugleich lassen die Zahlen
aber erahnen, dass der deutsche Markt mit Plagiaten
überschwemmt wird. Die Zollbeamten können laut Hoffmeister
maximal fünf Prozent der zur Einfuhr angemeldeten
Waren genau unter die Lupe nehmen. Ansonsten beschränken
sie sich auf die Auswertung der Frachtpapiere. Ein
aktueller Bericht der Europäischen Kommission kommt
zu dem Schluss, dass fünf bis sieben Prozent der
weltweit gehandelten Waren Fälschungen sind. Den
Schaden für die Markenhersteller schätzt Brüssel
auf 200 bis 300 Milliarden Büro. Dramatische Dimensionen
erreicht der Marktanteil der Plagiate im Bereich
Software. Einer Studie der Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers
zufolge liegt er in den USA bei 27, in Europa bei
39 Prozent.
Die Umsatzeinbußen deutscher Unternehmen bezifferte
der Aktionskreis gegen Produkt- und Markenpiraterie
(APM) im vergangenen Jahr auf 55 Milliarden Mark.
Laut Deutschem Industrie- und Handelstag (DIHT)
haben die Fälscher hierzulande 70000 Arbeitsplätze
vernichtet. DIHT und APM eröffnen am Dienstag dieser
Woche in Berlin die Wanderausstellung "Original-Plagiat",
die Verbraucher für die Problematik sensibilisieren
soll.
Eine härtere Gangart gegen Fälscher fordert die
Industrie von der Justiz. Polizei und Staatsanwaltschaften
seien meist schlecht über die rechtlichen Grundlagen
informiert, Richter urteilten zu lasch, beklagt
der APM-Vorsitzende und DIHT-Hauptgeschäftsführer
Franz Schoser. Noch großzügiger sind Strafverfolger
im europäischen Ausland. In Italien etwa schützt
der winzige, versteckt ange-brachte Hinweis "kein
Original" die Piraten vor Strafe. Immerhin besteht
Hoffnung auf Besserung. EU-Binnenmarkt-Kommissar
Frits Bolkestein will bis zum Sommer Richtlinien
für die effektive und einheitliche Bekämpfung der
Produktpiraterie in Europa erlassen.
Die geschädigten Markeninhaber helfen sich längst
selbst. "Viele Unternehmen haben eine schlagkräftige
Task-Force", weiß APM-Vize Holger Grauel, "die überwachen
ihre Märkte konsequent, gehen aber aus Imagegründen
selten an die Öffentlichkeit." Ein Vorreiter im
offenen Kampf gegen die Fälscher-Mafia ist laut
Zollexperte Hoffmeister der FC Bayern München. Der
Rekordmeister hat sämtliche Fanartikel visuell gesichert.
Sowohl Polizei und Zoll als auch die Kunden wurden
darüber informiert, dass nur die mit dem Hologramm-Etikett
gekennzeichneten Waren echt sein können. "Ohne Fahndungsdruck",
so Anja Geiger vom Unternehmensbereich Lizenzen,
wären auch die schillernden Anhänger "wenig sinnvoll".
Die Bayern lassen Detektive die Spur von illegalen
Markthändlern bis zu den Herstellern - vornehmlich
in Italien und in der Türkei - zurückverfolgen.
Kosten für Fahnder und Anwälte: bis zu 500 000 Mark
im Jahr.
SCHWARZER ZWERG FÜR IDEENDIEBE
Seit 1977 prangert der Ulmer Designer Rido Busse
Designklau mit dem Schmähpreis Plagiarius an.
Preisträger 2001
Auf dem ersten Rang der Plagiarius-Liste landete
eine griechische Firma mit der detailgetreuen Kopie
eines Siemens-Wasserkochers. Auf Platz zwei das
deutsche Unternehmen Deichmann mit einer Rucksack-lmitation
der Firma Bree.
Heimische Konkurrenz
Busse glaubt, dass "immer mehr deutsche Firmen auf
die schnelle Mark durch Ideenklau setzen". Für das
kommende Jahr gibt es bereits 30 Preisträgervorschläge
- zum ersten Mal überwiegen deutsche Produkte.
Verschmähte Trophäe
Der Plagiarius gehört zu den wenigen Preisen, die
niemand abholt. Busse ist trotzdem zufrieden: .Vor
aller Welt bloßgestellt zu werden, ist viel schmerzhafter
als eine Geldstrafe."