Es war im Frühling 1977, als Rido Busse über die
Messe in Frankfurt schlenderte und sie entdeckte.
Da lag die von ihm gestaltete Diätwaage, angepriesen
von einer ihm völlig unbekannten Firma aus Hongkong.
Der Hersteller bekam eine Einstweilige Verfügung
und Rido Busse eine Idee. Nun ist Busses Erlebnis
zwar nicht außergewöhnlich - auf 500 Milliarden
Mark pro Jahr wird der volkswirtschaftliche Schaden
geschätzt, der durch gefälschte Produkte weltweit
angerichtet wird. Allein in Deutschland gehen der
Wirtschaft dadurch jedes Jahr 15 Milliarden Mark
verloren. Außergewöhnlich jedoch war Busses Reaktion.
Er schnappte sich einen handelsüblichen Gartenzwerg,
lackierte ihn schwarz, verpasste ihm eine goldene
Nase und schuf so den "Plagiarius", eine Negativ-Auszeichnung
für Nachmacher. Seit einem Vierteljahrhundert stellt
der 66-jährige Design-Professor und Agentur-Chef
mit seinen Zwergen schwarze Schafe an den Pranger
- der neue Plagiarius wird an diesem Wochenende
während der Konsumgütermesse "Ambiente" in ' Frankfurt
verliehen. Nachdem die Nachmacher öffentlich bloßgestellt
worden sind und den schwarzen Zwerg zuerkannt bekommen
haben (abgeholt wird er nie), ziehen immerhin zwischen
fünf und zehn Prozent der Trittbrettfahrer "ihre"
Produkte vom Markt zurück. Doch viele Hersteller
schreckt selbst die öffentliche Demütigung nicht
ab. Denn die Kasse stimmt, und der Handel macht
mit. Schließlich verdient man auch mit dem Vertrieb
von Fälschungen Geld. Durch langwierige Prozesse
gewinnen die Abkupferer wertvolle Zeit. Zudem sehen
deutsche Gerichte Urheberrechtsverletzungen häufig
als Kavaliersdelikte an. Und viele der Gestaltungsdiebe
kalkulieren etwaige Schadenersatz-Ansprüche von
vornherein mit ein, sagt Aliki Busse, die Tochter
von Rido Busse, Rechtsanwältin in München. "Bis
ein wirklich gutes Produkt entstanden ist, hat die
Firma sieben bis acht Flops gehabt", sagt Rido Busse.
Dieses Geld spart sich der Plagiator genau so wie
die Investitionen für die Öffnung von Märkten. Das
Schlimmste jedoch ist, dass die Schmarotzer den
Ruf der von ihnen angezapften Marken beschädigen,
weil sie minderwertige Materialien zusammen schustern.
Mancher Kunde beschwert sich nämlich über die Qualität
des Plagiats beim Hersteller des Originals.
TEXTE: ROLF SCHRÖTER
stapelkarre
Die taiwanesischen Hochstapler von der Firma Chun
Mu Wang Enterprise hatten eine Stapelkarre im Angebot,
die eins zu eins vom Traditionsprodukt der Expresso
Deutschland in Kassel abgekupfert war. Das Original
ist ein "gewachsenes Produkt im Baukasten-System",
sagt Rainer Kastaun, Vertriebsleiter bei Expresso.
Es ist aus hochwertigem Aluminium und mit speziellen
Kunststoffen ausgestattet. Nicht so der taiwanesische
Zwilling. Die Pseudo-Karre ist aus billigem Material
gebastelt, das hohen Belastungen nicht standhält.
Die Fälschung wurde im vergangenen Jahr durch die
Plagiarius-Verleihung öffentlich gebrandmarkt.
Küchenwaage dolly
Die italienische Firma Supernova kopierte die Küchenwaage
Dolly des Herstellers Fratelli Guzzini und erhielt
dafür 1999 eine Auszeichnung vom Plagiat-Inquisitor
Rido Busse. Auf den ersten Blick sind Original und
Fälschung gleich. Die eigenständige Formgebung mit
der blütenähnlichen Wiegeschale stammt vom italienischen
Designer Ennio Pasini. Supernova hat diese Form
vollständig kopiert. Doch das Plagiat ist mit einer
einfacheren Gewichtsskala ausgestattet. Außerdem
verwendeten die Plagiatoren einen billigen Plastikwerkstoff.
Das führte dazu, dass die Wiege-Genauigkeit des
Originals nicht erreicht wird.
furby
Geklonte Furbys machten dem Spielzeughersteller
Hasbro aus Dietzenbach Ärger. Die kuscheligen Tierchen
wurden von Dave Hampton für das amerikanische Unternehmen
Tiger Electronics aus Vernon Hills und die Firma
Hasbro gestaltet und begeisterten Kinder. Das wiederum
führte zu einer Kopien-Schwemme aus Fernost. "Wir
waren schnell bei der Sache und hatten unsere Anwälte
vor Ort in Hongkong, die Verfügungen erlassen haben",
sagt Kristina Simon, Category Managerin bei Hasbro.
Die Qualität der Klone habe nicht annähernd die
des Originals erreicht, sagt Kristina Simon. Die
Mechanik und Elektronik der Furbys wurde nur teilweise
und schlecht kopiert.
siemens-wasserkocher
Besonders dreist wurde der Wasserkocher der Baureihe
TW 5 des Münchner Herstellers Bosch und Siemens
Hausgeräte abgekupfert. Nicht nur der Kocher selbst
ist geklaut, sondern auch die Verpackung. Die angeblich
aus Griechenland stammende Firma Lauder konnte bisher
nicht ausfindig gemacht werden. Während die Wasserstandsanzeige
des Originals aus zwei verschiedenen Kunststoffen
gefertigt ist, gaben sich die Plagiatoren mit einer
aufgeklebten Version zufrieden. "Wir gehen in jedem
Fall gegen Plagiate vor", erklärt Helmut Sailer,
Marketing- und Vertriebsleiter der Kleingeräte bei
Bosch und Siemens. Die Fälschungen schadeten nicht
nur der Marke, sondern seien auch ein Sicherheitsrisiko
für den Verbraucher.
isolierkanne columbus
Ein böser Zwilling aus China machte dem Haushaltsgeräte-Hersteller
Leifheit aus dem hessischen Nassau zu schaffen.
Dessen Isolierkanne "Columbus" wurde in Form und
Farbe von der Firma Chenghai Chongjin kopiert. Die
runden Formen, die an einen dicken Pinguin erinnern,
hat das Team Design Slany aus dem schwäbischen Esslingen
entworfen. Für die Schließkonstruktion des Deckels
verwendeten die Chinesen statt hochwertigem ABS-Kunststoff
das billige Propylen. Dadurch leierte der Verschlussmechanismus
schnell aus. Die Invasion der chinesischen Columbusse
hat Leifheit mehrere Millionen Mark Schaden zugefügt.