Veröffentlichungen



 
Frankfurter Rundschau - 17.02.2001
 
der falsche zwilling

Es war im Frühling 1977, als Rido Busse über die Messe in Frankfurt schlenderte und sie entdeckte. Da lag die von ihm gestaltete Diätwaage, angepriesen von einer ihm völlig unbekannten Firma aus Hongkong. Der Hersteller bekam eine Einstweilige Verfügung und Rido Busse eine Idee. Nun ist Busses Erlebnis zwar nicht außergewöhnlich - auf 500 Milliarden Mark pro Jahr wird der volkswirtschaftliche Schaden geschätzt, der durch gefälschte Produkte weltweit angerichtet wird. Allein in Deutschland gehen der Wirtschaft dadurch jedes Jahr 15 Milliarden Mark verloren. Außergewöhnlich jedoch war Busses Reaktion. Er schnappte sich einen handelsüblichen Gartenzwerg, lackierte ihn schwarz, verpasste ihm eine goldene Nase und schuf so den "Plagiarius", eine Negativ-Auszeichnung für Nachmacher. Seit einem Vierteljahrhundert stellt der 66-jährige Design-Professor und Agentur-Chef mit seinen Zwergen schwarze Schafe an den Pranger - der neue Plagiarius wird an diesem Wochenende während der Konsumgütermesse "Ambiente" in ' Frankfurt verliehen. Nachdem die Nachmacher öffentlich bloßgestellt worden sind und den schwarzen Zwerg zuerkannt bekommen haben (abgeholt wird er nie), ziehen immerhin zwischen fünf und zehn Prozent der Trittbrettfahrer "ihre" Produkte vom Markt zurück. Doch viele Hersteller schreckt selbst die öffentliche Demütigung nicht ab. Denn die Kasse stimmt, und der Handel macht mit. Schließlich verdient man auch mit dem Vertrieb von Fälschungen Geld. Durch langwierige Prozesse gewinnen die Abkupferer wertvolle Zeit. Zudem sehen deutsche Gerichte Urheberrechtsverletzungen häufig als Kavaliersdelikte an. Und viele der Gestaltungsdiebe kalkulieren etwaige Schadenersatz-Ansprüche von vornherein mit ein, sagt Aliki Busse, die Tochter von Rido Busse, Rechtsanwältin in München. "Bis ein wirklich gutes Produkt entstanden ist, hat die Firma sieben bis acht Flops gehabt", sagt Rido Busse. Dieses Geld spart sich der Plagiator genau so wie die Investitionen für die Öffnung von Märkten. Das Schlimmste jedoch ist, dass die Schmarotzer den Ruf der von ihnen angezapften Marken beschädigen, weil sie minderwertige Materialien zusammen schustern. Mancher Kunde beschwert sich nämlich über die Qualität des Plagiats beim Hersteller des Originals.
TEXTE: ROLF SCHRÖTER

stapelkarre
Die taiwanesischen Hochstapler von der Firma Chun Mu Wang Enterprise hatten eine Stapelkarre im Angebot, die eins zu eins vom Traditionsprodukt der Expresso Deutschland in Kassel abgekupfert war. Das Original ist ein "gewachsenes Produkt im Baukasten-System", sagt Rainer Kastaun, Vertriebsleiter bei Expresso. Es ist aus hochwertigem Aluminium und mit speziellen Kunststoffen ausgestattet. Nicht so der taiwanesische Zwilling. Die Pseudo-Karre ist aus billigem Material gebastelt, das hohen Belastungen nicht standhält. Die Fälschung wurde im vergangenen Jahr durch die Plagiarius-Verleihung öffentlich gebrandmarkt.

Küchenwaage dolly

Die italienische Firma Supernova kopierte die Küchenwaage Dolly des Herstellers Fratelli Guzzini und erhielt dafür 1999 eine Auszeichnung vom Plagiat-Inquisitor Rido Busse. Auf den ersten Blick sind Original und Fälschung gleich. Die eigenständige Formgebung mit der blütenähnlichen Wiegeschale stammt vom italienischen Designer Ennio Pasini. Supernova hat diese Form vollständig kopiert. Doch das Plagiat ist mit einer einfacheren Gewichtsskala ausgestattet. Außerdem verwendeten die Plagiatoren einen billigen Plastikwerkstoff. Das führte dazu, dass die Wiege-Genauigkeit des Originals nicht erreicht wird.

furby
Geklonte Furbys machten dem Spielzeughersteller Hasbro aus Dietzenbach Ärger. Die kuscheligen Tierchen wurden von Dave Hampton für das amerikanische Unternehmen Tiger Electronics aus Vernon Hills und die Firma Hasbro gestaltet und begeisterten Kinder. Das wiederum führte zu einer Kopien-Schwemme aus Fernost. "Wir waren schnell bei der Sache und hatten unsere Anwälte vor Ort in Hongkong, die Verfügungen erlassen haben", sagt Kristina Simon, Category Managerin bei Hasbro. Die Qualität der Klone habe nicht annähernd die des Originals erreicht, sagt Kristina Simon. Die Mechanik und Elektronik der Furbys wurde nur teilweise und schlecht kopiert.

siemens-wasserkocher
Besonders dreist wurde der Wasserkocher der Baureihe TW 5 des Münchner Herstellers Bosch und Siemens Hausgeräte abgekupfert. Nicht nur der Kocher selbst ist geklaut, sondern auch die Verpackung. Die angeblich aus Griechenland stammende Firma Lauder konnte bisher nicht ausfindig gemacht werden. Während die Wasserstandsanzeige des Originals aus zwei verschiedenen Kunststoffen gefertigt ist, gaben sich die Plagiatoren mit einer aufgeklebten Version zufrieden. "Wir gehen in jedem Fall gegen Plagiate vor", erklärt Helmut Sailer, Marketing- und Vertriebsleiter der Kleingeräte bei Bosch und Siemens. Die Fälschungen schadeten nicht nur der Marke, sondern seien auch ein Sicherheitsrisiko für den Verbraucher.

isolierkanne columbus
Ein böser Zwilling aus China machte dem Haushaltsgeräte-Hersteller Leifheit aus dem hessischen Nassau zu schaffen. Dessen Isolierkanne "Columbus" wurde in Form und Farbe von der Firma Chenghai Chongjin kopiert. Die runden Formen, die an einen dicken Pinguin erinnern, hat das Team Design Slany aus dem schwäbischen Esslingen entworfen. Für die Schließkonstruktion des Deckels verwendeten die Chinesen statt hochwertigem ABS-Kunststoff das billige Propylen. Dadurch leierte der Verschlussmechanismus schnell aus. Die Invasion der chinesischen Columbusse hat Leifheit mehrere Millionen Mark Schaden zugefügt.