Ein Stuhl und 101 Nachahmungen.
PLAGIARIUS / Negativpreis für Ideendiebstahl zum
25. Mal verliehen.
Was haben ein Wasserkocher, ein Rucksack und ein
Korkenzieher gemeinsam? Alle drei Produkte können
in einen Medienrummel rutschen. So geschehen auf
der Frankfurter Messe Ambiente, in deren Rahmen
die Negativauszeichnung Plagiarius verliehen wurde.
KAREN EMLER
FRANKFURT: "Aufruhr im Basar", "Zoll jagt falsche
Krokodile" oder "Breitseiten auf Piraten": Solche
Schlagzeilen würde Hans Olaf Henkel gern öfters
in der Presse lesen, sagte er auf der Frankfurter
Konsumgütermesse Ambiente. Dorthin war der ehemalige
Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie
(BDI) gekommen, um an der 25. Verleihung des Negativpreises
Plagiarius teilzunehmen.
Dem geistigen Vater des schwarzen Zwergs, dem Elchinger
Designer Rido Busse, bescheinigte er den Premierencharakter
des Auftritts: "Es ist das erste Mal, dass man mich
aufgefordert hat, eine Lobrede auf Rechtsbrecher
zu halten." Dass es sich beim Abkupfern von Produkten
um kein Kavaliersdelikt handelt, zeige eine Hochrechnung
der Europäischen Union. Derzufolge gehen jährlich
weltweit rund 200 000 Arbeitsplätze durch das Treiben
von Plagiateuren kaputt. Der Schaden beläuft sich
auf rund 600 Mrd. DM. Um den Machenschaften dreister
Ideendiebe ein Ende zu bereiten, müssten die Unternehmen
alle Möglichkeiten ausschöpfen, sich durch Patente,
Marken, Geschmacksmuster und Urheberrechte zu schützen.
Doch letztlich komme es Henkel zufolge darauf an,
grenzüberschreitend den Plagiateuren das Handwerk
zu legen.
Dass das nicht immer einfach ist, habe er aus Überlieferungen
früherer BDI-Präsidenten gelernt. Als vor 40 Jahren
die Japaner sich als Weltmeister im Abkupfern etabliert
hatten, schickte der BDI eine Delegation nach Japan.
Dort stießen die Gesandten erst einmal auf Unverständnis.
Es sei doch eine Auszeichnung für ein deutsches
Unternehmen, wenn die Japaner gerade sein Produkt
auswählten, hieß es damals.
Für eine verstärkte Zusammenarbeit über die Grenzen
hinweg, sprach sich auch Festredner Hans Peter Stihl,
der ehemalige Präsident des Deutschen Industrie-
und Handelstages, aus, der als Sägenhersteller selbst
schon die Machenschaften der Ideendiebe zu spüren
bekommen hat. Der Waiblinger Unternehmer forderte,
der Rechtschutz gegen Plagiate müsse weltweit verbessert
werden. Außerdem dauerten speziell in Deutschland
die Verfahren viel zu lang. Daher plädiert Stihl
dafür, Schiedsstellen einzurichten, "deren Entscheidungen
Plagiatstreitigkeiten beschleunigen und auch Grundlage
für Gerichtsentscheidungen sein könnten".
Das Urteil von Richtern schreckt Ideendiebe freilich
nicht immer ab. Der Frankfurter Designer Prof. Till
Behrens kann davon ein Lied singen. Sein Metallstuhl
"Kreuzschwinger Modell 0.2" wurde 101 Mal von Firmen
aus dem In- und Ausland plagiiert. "Wenn der Richter
zu dem einen sagt, das geht so nicht, kommt der
andere und baut eben ein bisschen drumherum", sagte
Behrens. Für das jüngste Plagiat seines Stuhls hat
die Plagiarius-Jury der Firma M. Westermann aus
Arnsberg den Jubiläums-Plagiarius zu erkannt.
Ähnliche Dreistigkeit hat auch Rolf Schneider, Geschäftsführer
der Schneider + Fichtel GmbH aus Rottenburg am Neckar
erleben müssen: Seine Türklinken-Kollektion wurde
schon dreimal abgekupfert - und immer von dem selben
Hersteller, der Firma Glaser aus Groß-Umstadt. Ihr
wurde deshalb der "Sonderpreis für Wiederholungstäter"
zugebilligt.
Als Hauptpreisträger hat die Jury der Aktion Plagiarius,
in der Vertreter der Wirtschaft, der Medien sowie
Juristen und Designer sitzen, aus den 23 Einsendungen
aber andere Unternehmen herausgefischt: Den ersten
Platz unter den Plagiateuren erreichte die griechische
Firma Lauder für die Nachahmung des "Wasserkochers
TW 50501" der Siemens + Bosch Hausgeräte GmbH (München).
Platz zwei im Negativwettbewerb schaffte die Firma
Heinrich Deichmann (Essen), die nach Ansicht der
Jury den Rucksack "Punch 2" von Bree Collection
(Isernhagen) plagiiert hat. Der dritte Preis ging
an die Firma Evergood Industrial Limited aus China
für das Abkupfern des Korkenziehers "Classic" der
holländischen Firma Brabantia Nederland.