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Berliner Zeitung - 07.11.2001
 
Alles nur geklaut. Das Museum Plagiarius in der Kulturbrauerei zeigt Beispiele von Design-Diebstahl
VON PETRA AHNE

Das Prinzip ist so alt wie der Pranger auf dem Marktplatz: Wer Unrecht tut, wird öffentlich vorgeführt, auf dass er sich schämt und es nicht wieder tut. In der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg gibt es seit heute einen Pranger, der nicht die Schufte selbst zur Schau stellt, sondern ihre Taten: Das Museum Plagiarius.

In Vitrinen stehen Walkmen, Thermoskannen, Murmelbahnen, Scheren, Bügeleisen, Taschenlampen, Saftpressen. Jeder Gegenstand ist zweimal ausgestellt, glaubt man auf den ersten Blick. Tatsächlich ist jeweils das linke Objekt das Original, das rechte die blamierte Fälschung. 150 Beispiele von Ideenklau, denen alle die gleiche Ehre zuteil wurde: Sie wurden mit dem Plagiarius ausgezeichnet, dem schwarzen Gartenzwerg mit goldener Nase, den eine Jury aus Politikern, Juristen und Firmen einmal im Jahr an Design-Diebe verleiht.

Gegründet hat das kleine Museum neben dem Soda Club der Mann, der sich vor 24 Jahren auch den Fälscher-Preis ausdachte: Rido Busse, 67, Inhaber einer Design-Firma in Ulm und Honorarprofessor an der Kunsthochschule Weißensee. Aus Zorn sei der Preis entstanden, sagt Busse. 1977 stand er auf einer Messe vor einer kleinen Briefwaage aus orangem Plastik. Er hatte sie entworfen, für die Firma Soehnle-Waagen. Das Exemplar auf der Messe aber präsentierte eine Hongkonger Firma an ihrem Stand, und es kostete viel weniger als das deutsche Markenprodukt. Auch das Waagen-Duo steht jetzt in einer Vitrine in dem 300 Quadratmeter großen Museum, zwischen den anderen Zeugnissen des Kampfes, den Busse führt, augenzwinkernd, aber unerbittlich. 30 bis 40 Firmen melden ihm pro Jahr, dass eines ihrer Produkte gefälscht wurde. Dass es nicht besonders fair ist, sich der Ideen eines anderen zu bedienen ist das eine - worauf es Busse vor allem ankommt, sind die Zahlen, die er seit Jahren immer wieder vorrechnet: 20 Milliarden Mark Schaden würden die Plagiate jährlich der deutschen Wirtschaft zufügen, 40 000 Arbeitsplätze gingen jedes Jahr verloren. Busse erzählt von einer silberfarbenen Thermoskanne aus Messing, die 120 Mark kostete. Der Kaffee-hersteller Tchibo ließ die Kanne in Asien aus Kunststoff herstellen und bot sie in seinen Läden für 22,50 Mark an. Sie habe sich so gut verkauft, sagt Busse, dass die Firma die teure Kanne vom Markt nahm - und vier Angestellte entließ.

Bis jetzt konnte der Designer die Fälschungen nur einmal im Jahr zeigen - immer wenn der Gartenzwerg mit der goldenen Nase auf der Frankfurter Messe "Ambiente" an zehn neu entlarvte Fälschungen verliehen wurde. Die Idee für ein Museum habe er schon 20 Jahre lang mit sich herumgetragen, sagt Rido Busse, aber das Geld dafür war nie da. Auch jetzt ist die Finanzierung wackelig. 800 000 Mark Spenden sammelte Busse, die Miete von 100 000 Mark jährlich zahlt zwei Jahre lang der Unternehmer Hans Wall, in Berlin vor allem als Betreiber von 160 öffentlichen Toiletten und 2 200 Wartehäuschen an Bushaltestellen bekannt. Die öffentliche Dauer-Blamage für die Ideenklauer soll künftig auch wissenschaftlich aufgearbeitet werden: Es gibt Platz für Vorträge, einen Seminarraum und ein Archiv, in dem Studenten und Doktoranden die Geschichte eines jeden ausgestellten Stücks nachlesen können. Da steht dann zum Beispiel, dass der schwedische Möbelhersteller Ikea sich gerichtlich gegen den Vorwurf wehren wollte, eine Küche kopiert zu haben. Prozesse musste Busse immer wieder fuhren, bis jetzt hat er alle gewonnen. Dabei hat sein Gartenzwerg keine Konsequenzen für die Fälscher: "Wir machen nur auf Unrecht aufmerksam." Klagen müssen die beklauten Hersteller. Seit einer Gesetzesänderung von 1989 können Plagiatoren zu bis zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt werden. Geht der Hersteller nicht vor Gericht, erfährt der Fälscher nur per Brief von der "Auszeichnung", die manchen tatsächlich zu schmeicheln scheint. Ein Unternehmen in Taiwan hängte sich die Plagiarius-Urkunde jedenfalls in seine Empfangshalle. "Den Fälschern soll es peinlich sein, ausgestellt zu sein." R. Busse, Plagiats-Jäger Museum Plagiarius in der Kulturbrauerei, Gebäude 4.3, Aufgang W, Schönhauser Allee 37, Prenzlauer Berg. Geöffnet: mittwochs bis sonntags von 14 bis 20 Uhr.