Alles nur geklaut. Das Museum Plagiarius
in der Kulturbrauerei zeigt Beispiele von Design-Diebstahl
VON PETRA AHNE
Das Prinzip ist so alt wie der Pranger auf dem Marktplatz:
Wer Unrecht tut, wird öffentlich vorgeführt, auf
dass er sich schämt und es nicht wieder tut. In
der Kulturbrauerei in Prenzlauer Berg gibt es seit
heute einen Pranger, der nicht die Schufte selbst
zur Schau stellt, sondern ihre Taten: Das Museum
Plagiarius.
In Vitrinen stehen Walkmen, Thermoskannen, Murmelbahnen,
Scheren, Bügeleisen, Taschenlampen, Saftpressen.
Jeder Gegenstand ist zweimal ausgestellt, glaubt
man auf den ersten Blick. Tatsächlich ist jeweils
das linke Objekt das Original, das rechte die blamierte
Fälschung. 150 Beispiele von Ideenklau, denen alle
die gleiche Ehre zuteil wurde: Sie wurden mit dem
Plagiarius ausgezeichnet, dem schwarzen Gartenzwerg
mit goldener Nase, den eine Jury aus Politikern,
Juristen und Firmen einmal im Jahr an Design-Diebe
verleiht.
Gegründet hat das kleine Museum neben dem Soda Club
der Mann, der sich vor 24 Jahren auch den Fälscher-Preis
ausdachte: Rido Busse, 67, Inhaber einer Design-Firma
in Ulm und Honorarprofessor an der Kunsthochschule
Weißensee. Aus Zorn sei der Preis entstanden, sagt
Busse. 1977 stand er auf einer Messe vor einer kleinen
Briefwaage aus orangem Plastik. Er hatte sie entworfen,
für die Firma Soehnle-Waagen. Das Exemplar auf der
Messe aber präsentierte eine Hongkonger Firma an
ihrem Stand, und es kostete viel weniger als das
deutsche Markenprodukt. Auch das Waagen-Duo steht
jetzt in einer Vitrine in dem 300 Quadratmeter großen
Museum, zwischen den anderen Zeugnissen des Kampfes,
den Busse führt, augenzwinkernd, aber unerbittlich.
30 bis 40 Firmen melden ihm pro Jahr, dass eines
ihrer Produkte gefälscht wurde. Dass es nicht besonders
fair ist, sich der Ideen eines anderen zu bedienen
ist das eine - worauf es Busse vor allem ankommt,
sind die Zahlen, die er seit Jahren immer wieder
vorrechnet: 20 Milliarden Mark Schaden würden die
Plagiate jährlich der deutschen Wirtschaft zufügen,
40 000 Arbeitsplätze gingen jedes Jahr verloren.
Busse erzählt von einer silberfarbenen Thermoskanne
aus Messing, die 120 Mark kostete. Der Kaffee-hersteller
Tchibo ließ die Kanne in Asien aus Kunststoff herstellen
und bot sie in seinen Läden für 22,50 Mark an. Sie
habe sich so gut verkauft, sagt Busse, dass die
Firma die teure Kanne vom Markt nahm - und vier
Angestellte entließ.
Bis jetzt konnte der Designer die Fälschungen nur
einmal im Jahr zeigen - immer wenn der Gartenzwerg
mit der goldenen Nase auf der Frankfurter Messe
"Ambiente" an zehn neu entlarvte Fälschungen verliehen
wurde. Die Idee für ein Museum habe er schon 20
Jahre lang mit sich herumgetragen, sagt Rido Busse,
aber das Geld dafür war nie da. Auch jetzt ist die
Finanzierung wackelig. 800 000 Mark Spenden sammelte
Busse, die Miete von 100 000 Mark jährlich zahlt
zwei Jahre lang der Unternehmer Hans Wall, in Berlin
vor allem als Betreiber von 160 öffentlichen Toiletten
und 2 200 Wartehäuschen an Bushaltestellen bekannt.
Die öffentliche Dauer-Blamage für die Ideenklauer
soll künftig auch wissenschaftlich aufgearbeitet
werden: Es gibt Platz für Vorträge, einen Seminarraum
und ein Archiv, in dem Studenten und Doktoranden
die Geschichte eines jeden ausgestellten Stücks
nachlesen können. Da steht dann zum Beispiel, dass
der schwedische Möbelhersteller Ikea sich gerichtlich
gegen den Vorwurf wehren wollte, eine Küche kopiert
zu haben. Prozesse musste Busse immer wieder fuhren,
bis jetzt hat er alle gewonnen. Dabei hat sein Gartenzwerg
keine Konsequenzen für die Fälscher: "Wir machen
nur auf Unrecht aufmerksam." Klagen müssen die beklauten
Hersteller. Seit einer Gesetzesänderung von 1989
können Plagiatoren zu bis zu fünf Jahren Gefängnis
verurteilt werden. Geht der Hersteller nicht vor
Gericht, erfährt der Fälscher nur per Brief von
der "Auszeichnung", die manchen tatsächlich zu schmeicheln
scheint. Ein Unternehmen in Taiwan hängte sich die
Plagiarius-Urkunde jedenfalls in seine Empfangshalle.
"Den Fälschern soll es peinlich sein, ausgestellt
zu sein." R. Busse, Plagiats-Jäger Museum Plagiarius
in der Kulturbrauerei, Gebäude 4.3, Aufgang W, Schönhauser
Allee 37, Prenzlauer Berg. Geöffnet: mittwochs bis
sonntags von 14 bis 20 Uhr.