PLAGIARIUS / Negativ-Preis für dreiste
Nachahmer wird heuer zum 25. Mal verliehen Schwarzer
Zwerg straft Ideendiebe. Designer Rido Busse: Die
meisten Richter sind zu milde gestimmt.
Ob Türklinke, Trinkbecher oder Briefwaage - kein
Produkt ist vor Plagiateuren sicher. Was viele als
Kavaliersdelikt ansehen, kann für die Opfer den
Ruin bedeuten. Das hat der Elchinger Designer Rido
Busse schon vor 25 Jahren erkannt. Seither prangert
er mit seiner Aktion Plagiarius Ideendiebe an.
ELCHINGEN - Nummer 917 ist klein, gedrungen und
mit seinem starken Bartwuchs ein Durchschnittstyp
unter Seinesgleichen. Normalerweise steht er irgendwo
im Vorgarten, erfreut seinen Besitzer und argen
höchstens mal seine Nachbarn. Bekommt er aber
einen schwarzen Anstrich samt goldener Nase verpasst,
verbreitet dieser Gartenzwerg Angst und Schrecken.
"Plagiarius" nennt er sich dann und prangen seit
mittlerweile 25 Jahren dreiste Ideendiebe an. Er
zählt zu den wenigen Trophäen, die nie
abgeholt werden, sagt Rido Busse.
Der Elchinger Designer ist der geistige Vater des
schwarzen Zwergs und stolz darauf, dass allein die
Nominierung für den Plagiarius ausreicht, dass der
eine oder andere Nachahmer sein Produkt aus dem
Markt nimmt. Außerdem, da ist sich der 66-Jährige
sicher, hat der kleine Kerl mit der goldenen Nase
auch die Gesetzgeber wachgerüttelt: Als der Plagiarius
immer prominenter geworden sei, habe die Bundesregierung
reagiert. Seit 1988 gibt es ein neues" Geschmacksmusterrecht,
seit 1990 das Gesetz gegen Produkt-: und Markenpiraterie,
das sogar Haftstrafen von bis zu fünf Jahren vorsieht.
"Ich habe allerdings noch nicht erlebt, dass es
jemals so weit kam. Die meisten Richter sehen ein
Plagiat als Kavaliersdelikt an und verhängen eine
Geldstrafe."
Darauf hätten sich die gewieften Ideendiebe aber
längst eingestellt. .Die bilden in ihren Bilanzen
Rückstellung für solche Fälle und sparen auch noch
Steuern damit", ärgert sich Busse. Dabei sei der
wirtschaftliche Schaden für das plagiierte Unternehmen
enorm. Es bleibt auf den Entwicklungskosten und
der -natürlich teureren - Ware sitzen. Der volkswirtschaftliche
Schaden wird vom Deutschen Industrie- und Handelstag
allein für Deutschland auf jährlich 15 Mrd. DM geschätzt.
Zudem ha! das abgekupferte Unternehmen, wenn es
sich wehrt, nicht nur den Ärger mit den Gerichten
sondern auch Anwalts- und Verfahrenskosten am Hals.
Das brachte beispielsweise die Holzgerlinger Authentics
Artipresent GmbH, die für innovatives Kunststoffdesign
bekannt ist. um ihre Existenz. Sie zog so oft gegen
das Abkupfern ihrer Produkte vor Gericht, dass sie
letztlich Ende vergangenen Jahres ein Insolvenzverfahren
beantragen musste, berichtet der Designer.
Auch Busse wurde schon bestohlen: 1977 entdeckte
er auf der Frankfurter Frühjahrsmesse, in deren
Rahmen der Plagiarius jedes Jahr - das nächste Mal
am 16. Februar - verliehen wird, am Stand eines
Hongkong-Chinesens eine Brief- und Diätwaage. Diese
sah dem Modell Nr. 8600 verblüffend ähnlich, die
Busse für Soehnle aus Murrhardt entworfen hatte.
Auf seinen Hinweis hin erwirkte Soehnle eine einstweilige
Verfügung. Her Hongkong-Chinese nahm sein Produkt
vom Markt, doch bald zog ein anderer Anbieter aus
Fernost nach.
Für Busse war das ein Schlüsselerlebnis. "Ich wusste
bis dahin nur. dass es Schutzrechte gibt, aber nicht,
welche Probleme damit verbunden sind." Bei Fälschungen
-also bei Nachahmungen, die so perfekt sind, dass
der Käufer glaubt, das Original zu erstehen - sei
die Rechtslage schon klar gewesen. "Der Tatbestand
ist ein kriminelles Delikt." Das Bewusstsein für
das Treiben von Plagiateuren, die das Original oft
mit kleinen Änderungen nachbilden und unter anderem
Markennamen verkaufen, steckte aber noch in den
Kinderschuhen.
Deshalb gründete Busse als "EinMann-Bürgerinitiative"
die Aktion Plagiarius. Auf der Suche nach einer
abschreckenden Trophäe wurde er in einem Gartenmarkt
fündig: Besagtes Modell 917, das aus dem Sortiment
der Firma Heissner aus der Nähe von Fulda stammt,
bekam den Zuschlag. Das Schwarz dient zur Abschreckung,
die goldene Nase symbolisiert, dass mit Plagiaten
leichtes Geld zu verdienen ist.
Ein eigenes Museum
Inzwischen ist der Verein etabliert, hat 30 Mitglieder
und einen regen Zulauf, wenn es um die jährliche
Ernennung der Jurymitglieder geht. Wirtschaftsvertreter,
Anwälte und Designer beraten, welches Plagiat den
schwarzen Zwerg verdient hat. Bis zu 50 Einsendungen
gibt es pro Jahr. Die Palette reicht von Türklinken,
Stühlen, Lampen, Trinkbe-chern, Thermoskannen und
Taschen bis zu Seminarkonzepten.
Der Plagiarius hat in den 25 Jahren Zuwachs bekommen:
Händler, die abgekupferte Waren feil bieten, erhalten
den Krämerseelenpreis Seit 1998 wird zudem alle
zwei Jahre für die Spielzeugindustrie der Plagiarius
Toy verliehen.
Obwohl sich der eine oder andere Preisträger gegen
den Plagiarius vor Gericht gewehrt hat, blieb Busses
Aktion davon unbehelligt Damit die Preisträger nicht
sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden,
eröffnet die Aktion Plagiarius in der Kulturbrauerei
in Berlin ein Museum. Vom 17. Mai an können sich
dort die Besucher ein Bild davon machen, wie dreist
Ideendiebe doch sind.
Rido Busse hat an der Ulmer Hochschule für Gestaltung
Design studiert. Sein Unternehmen entwickelt mit
70 Mitarbeitern für die Industrie Produkte bis zum
Prototyp. Dazu zählen zum Beispiel Stihl-Sägen.
Hilti-Bohrmaschinen oder Zeiss-Geräte.