Veröffentlichungen



 
Südwest Presse - 10.02.2001
Schwäbische Donau Zeitung - 10.02.2001
Zolllern-Alb Kurier - 10.02.2001
 
PLAGIARIUS / Negativ-Preis für dreiste Nachahmer wird heuer zum 25. Mal verliehen Schwarzer Zwerg straft Ideendiebe. Designer Rido Busse: Die meisten Richter sind zu milde gestimmt.

Ob Türklinke, Trinkbecher oder Briefwaage - kein Produkt ist vor Plagiateuren sicher. Was viele als Kavaliersdelikt ansehen, kann für die Opfer den Ruin bedeuten. Das hat der Elchinger Designer Rido Busse schon vor 25 Jahren erkannt. Seither prangert er mit seiner Aktion Plagiarius Ideendiebe an.

ELCHINGEN - Nummer 917 ist klein, gedrungen und mit seinem starken Bartwuchs ein Durchschnittstyp unter Seinesgleichen. Normalerweise steht er irgendwo im Vorgarten, erfreut seinen Besitzer und argen höchstens mal seine Nachbarn. Bekommt er aber einen schwarzen Anstrich samt goldener Nase verpasst, verbreitet dieser Gartenzwerg Angst und Schrecken. "Plagiarius" nennt er sich dann und prangen seit mittlerweile 25 Jahren dreiste Ideendiebe an. Er zählt zu den wenigen Trophäen, die nie abgeholt werden, sagt Rido Busse.

Der Elchinger Designer ist der geistige Vater des schwarzen Zwergs und stolz darauf, dass allein die Nominierung für den Plagiarius ausreicht, dass der eine oder andere Nachahmer sein Produkt aus dem Markt nimmt. Außerdem, da ist sich der 66-Jährige sicher, hat der kleine Kerl mit der goldenen Nase auch die Gesetzgeber wachgerüttelt: Als der Plagiarius immer prominenter geworden sei, habe die Bundesregierung reagiert. Seit 1988 gibt es ein neues" Geschmacksmusterrecht, seit 1990 das Gesetz gegen Produkt-: und Markenpiraterie, das sogar Haftstrafen von bis zu fünf Jahren vorsieht. "Ich habe allerdings noch nicht erlebt, dass es jemals so weit kam. Die meisten Richter sehen ein Plagiat als Kavaliersdelikt an und verhängen eine Geldstrafe."

Darauf hätten sich die gewieften Ideendiebe aber längst eingestellt. .Die bilden in ihren Bilanzen Rückstellung für solche Fälle und sparen auch noch Steuern damit", ärgert sich Busse. Dabei sei der wirtschaftliche Schaden für das plagiierte Unternehmen enorm. Es bleibt auf den Entwicklungskosten und der -natürlich teureren - Ware sitzen. Der volkswirtschaftliche Schaden wird vom Deutschen Industrie- und Handelstag allein für Deutschland auf jährlich 15 Mrd. DM geschätzt. Zudem ha! das abgekupferte Unternehmen, wenn es sich wehrt, nicht nur den Ärger mit den Gerichten sondern auch Anwalts- und Verfahrenskosten am Hals.

Das brachte beispielsweise die Holzgerlinger Authentics Artipresent GmbH, die für innovatives Kunststoffdesign bekannt ist. um ihre Existenz. Sie zog so oft gegen das Abkupfern ihrer Produkte vor Gericht, dass sie letztlich Ende vergangenen Jahres ein Insolvenzverfahren beantragen musste, berichtet der Designer.

Auch Busse wurde schon bestohlen: 1977 entdeckte er auf der Frankfurter Frühjahrsmesse, in deren Rahmen der Plagiarius jedes Jahr - das nächste Mal am 16. Februar - verliehen wird, am Stand eines Hongkong-Chinesens eine Brief- und Diätwaage. Diese sah dem Modell Nr. 8600 verblüffend ähnlich, die Busse für Soehnle aus Murrhardt entworfen hatte. Auf seinen Hinweis hin erwirkte Soehnle eine einstweilige Verfügung. Her Hongkong-Chinese nahm sein Produkt vom Markt, doch bald zog ein anderer Anbieter aus Fernost nach.

Für Busse war das ein Schlüsselerlebnis. "Ich wusste bis dahin nur. dass es Schutzrechte gibt, aber nicht, welche Probleme damit verbunden sind." Bei Fälschungen -also bei Nachahmungen, die so perfekt sind, dass der Käufer glaubt, das Original zu erstehen - sei die Rechtslage schon klar gewesen. "Der Tatbestand ist ein kriminelles Delikt." Das Bewusstsein für das Treiben von Plagiateuren, die das Original oft mit kleinen Änderungen nachbilden und unter anderem Markennamen verkaufen, steckte aber noch in den Kinderschuhen.

Deshalb gründete Busse als "EinMann-Bürgerinitiative" die Aktion Plagiarius. Auf der Suche nach einer abschreckenden Trophäe wurde er in einem Gartenmarkt fündig: Besagtes Modell 917, das aus dem Sortiment der Firma Heissner aus der Nähe von Fulda stammt, bekam den Zuschlag. Das Schwarz dient zur Abschreckung, die goldene Nase symbolisiert, dass mit Plagiaten leichtes Geld zu verdienen ist.

Ein eigenes Museum

Inzwischen ist der Verein etabliert, hat 30 Mitglieder und einen regen Zulauf, wenn es um die jährliche Ernennung der Jurymitglieder geht. Wirtschaftsvertreter, Anwälte und Designer beraten, welches Plagiat den schwarzen Zwerg verdient hat. Bis zu 50 Einsendungen gibt es pro Jahr. Die Palette reicht von Türklinken, Stühlen, Lampen, Trinkbe-chern, Thermoskannen und Taschen bis zu Seminarkonzepten.

Der Plagiarius hat in den 25 Jahren Zuwachs bekommen: Händler, die abgekupferte Waren feil bieten, erhalten den Krämerseelenpreis Seit 1998 wird zudem alle zwei Jahre für die Spielzeugindustrie der Plagiarius Toy verliehen.

Obwohl sich der eine oder andere Preisträger gegen den Plagiarius vor Gericht gewehrt hat, blieb Busses Aktion davon unbehelligt Damit die Preisträger nicht sang- und klanglos in der Versenkung verschwinden, eröffnet die Aktion Plagiarius in der Kulturbrauerei in Berlin ein Museum. Vom 17. Mai an können sich dort die Besucher ein Bild davon machen, wie dreist Ideendiebe doch sind.

Rido Busse hat an der Ulmer Hochschule für Gestaltung Design studiert. Sein Unternehmen entwickelt mit 70 Mitarbeitern für die Industrie Produkte bis zum Prototyp. Dazu zählen zum Beispiel Stihl-Sägen. Hilti-Bohrmaschinen oder Zeiss-Geräte.