| Rede
von Otto Schily anlässlich der Plagiarius-Verleihung
am 13.2.2009 um 11:30 Uhr auf der „Ambiente“
in Frankfurt
Sehr geehrter Herr Professor Busse, meine Damen
und Herren,
wenn schon nicht die diesjährigen Preisträger
anlässlich der Plagiarius-Verleihung sonderlich
beglückt sein dürften, so freue ich
mich umso mehr, heute hier zu sein.
Würden wir Menschen in Deutschland befragen,
was Ihnen zum Stichwort Piraterie einfällt,
so würden die Meisten wohl sofort auf die
Piraten vor der somalischen Küste verweisen.
Vor erst zwei Wochen landeten diese mit der Kaperung
des deutschen Gas-Tankes „Longchamp“
am Golf von Aden einen neuen Coup.
Den modernen Hightech-Piraten vor Somalia wird
zweifellos mehr öffentliche Aufmerksamkeit
zuteil, als den Marken- und Produktpiraten, die
heute im Mittelpunkt unserer Veranstaltung stehen,
obwohl sich doch manch Parallele zwischen den
beiden Piratengruppen erkennen lässt.
Am Golf von Aden lauern die international bekannten
Piraten auf fette Beute, nehmen Diebesgut und
segeln unter fremder Flagge.
Moderne Marken- und Produktpiraten sind ebenso
auf der Suche nach fetter Beute und segeln mit
ihrem Diebesgut unter fremder Flagge. Die fette
Beute sind in diesem Falle aber keine Supertanker,
sondern Verbraucher auf der Jagd nach billigen
Angeboten, das Diebesgut sind geklaute Ideen und
die fremden Flaggen, unter denen sie segeln, sind
gefälschte Marken und Produktdesigns.
Während die internationale Gemeinschaft
auf die Gefahrenlage am Golf von Aden reagiert
hat und mit der europäischen Anti-Piraterie
Mission „Atalanta“ den Piraten seither
die Ausübung ihres räuberischen Handwerks
schwer macht, sehen sich moderne Marken- und Produktpiraten
einer solchen globalen Übermacht nicht gegenüber
gestellt.
Dabei richten Produkt- und Markenpiraten ebenfalls
gewaltigen wirtschaftlichen Schaden an. Die Internationale
Handelskammer (ICC) beziffert den Warenwert, der
weltweit mit gefälschten Produkten umgesetzt
wird auf 600 Milliarden Dollar.
Allein in Deutschland lag der durch Marken- und
Produktpiraterie verursachte volkswirtschaftliche
Schaden im Jahr 2007 bei fast 30
Milliarden Euro.
Mittlerweile entfallen zehn Prozent des
gesamten Welthandelsvolumens auf Plagiate;
die Plagiatefertigung ist in den letzten 20
Jahren um 10.000 Prozent gestiegen.
Von der einfachen Zahnbürste über Blutkonserven
bis hin zu ganzen Industrieanlagen wird mittlerweile
alles kopiert. Jeder erdenkliche Wirtschaftszweig
von Film- und Tonträgern, Softwareprodukten,
Markenprodukten aus dem Kleidungs- und Sportartikelbereich,
Uhren, Schmuck, Kosmetika, Getränke, Nahrungsmittel,
Pharmazeutika und technischen Produkten aus dem
Maschinenbau, der Automobil und Luftfahrtindustrie
ist betroffen.
Gleich der hässlichen Krähe, die sich
in dem Bildnis des griechischen Fabeldichters
Äsop mit schönen bunten Federn anderer
Vögel herausputzt, schmücken sich die
Marken- und Produktpiraten mit den innovativen
und kreativen Ideen Anderer. In Äsops Bildnis
erkennen die anderen Vögel aber die Wahrheit
und erringen sich ihre entwendeten Federn zurück.
Übrig bleibt die diebische Krähe, hässlich
wie zuvor.
Leider können sich Ideendiebe und Raubdesigner
noch immer weitestgehend mit fremden Federn schmücken.
So hat sich die Produkt- und Markenpiraterie zu
einem äußerst profitablen Business
entwickelt und findet weltweit durch erheblich
verbesserte und verbilligte Kopiermöglichkeiten
eine immer größere Verbreitung. Moderne
Stickereiautomaten können fast jedes Logo
perfekt kopieren, während Scanner die Außenabmessungen
von Produkten in Sekunden abtasten können
und die Daten für die Herstellung der Plagiate
weitergeben. Das Ergebnis sind massenhaft billige
Plagiate von schlechter Qualität, welche
die Weltmärkte überschwemmen.
Allein die Zollbeamten der Europäischen
Union stellten im Jahr 2007 mehr als 79
Millionen Artikel plagiierter und gefälschter
Ware sicher. Dabei können überhaupt
nur weniger als fünf Prozent
der im Umlauf befindlichen Waren vom europäischen
Zoll kontrolliert werden.
Zahlen des österreichischen Zolls deuten
an, dass sich mit Plagiaten und Fälschungen
mittlerweile mehr Geld verdienen lässt als
mit Drogenhandel. Die Fälschung von Produkten
wird inzwischen zum überwiegenden Teil von
der organisierten Kriminalität kontrolliert.
Das Risiko ist für die Raubkopierer überschaubar,
der Gewinn riesig. Die Plagiatoren tragen keinerlei
unternehmerischer Kosten, vertreiben einen Großteil
ihrer kopierten und gefälschten Produkte
über das Internet, bleiben dadurch anonym
und können sich einer Strafverfolgung zumeist
entziehen. Gleichzeitig streichen sie Gewinnmargen
von ca. 900 Prozent ein.
Die Leidtragenden sind in erster Linie Unternehmer,
die erheblichen finanziellen, zeitlichen und personellen
Aufwand in Forschung und Entwicklung investieren,
um sich durch innovative Produkte einen Wettbewerbsvorteil
zu sichern. Dieser Wettbewerbsvorteil wird aber
durch den dreisten Raub innovativer Ideen gefährdet,
wenn nicht gar zerstört und kann kleine und
mittlere Unternehmen existentiell bedrohen.
Aus volkswirtschaftlicher Sicht kann das Raubkopieren
auch eine mittelfristige Reduzierung der unternehmerischen
Innovationsbereitschaft bedeuten. Gerade aber
eine hoch entwickelte Volkswirtschaft wie Deutschland
ist in besonderen Maßen auf die Innovationsbereitschaft
seiner Unternehmen angewiesen, da wir auf keine
natürlichen Rohstoffe zurückgreifen
können.
Marken- und Produktpiraterie schädigt darüber
hinaus durch den Verlust von Steuereinnahmen und
Arbeitsplätzen auch den Staat. Nach Schätzungen
des Instituts der Deutschen Wirtschaft entfallen
allein in Deutschland 70.000 Arbeitsplätze
durch Produkt- und Markenpiraterie. Daher dient
der effektive Kampf gegen Produkt- und Markenpiraterie
der Stärkung der heimischen Wirtschaft, des
Staates und dem Erhalt und Ausbau von Arbeitsplätzen.
Aber auch der Verbraucher ist betroffen. Mit
dem Erwerb von gefälschten Waren gehen für
den Käufer häufig gesundheitliche manchmal
sogar lebensbedrohende Risiken einher, da die
Sicherheit der kopierten Produkte den Nachahmern
nicht wichtig ist.
Gefälschte Reifen oder Bremsscheiben können
zu schweren Unfällen führen, aber auch
fehlende Wirkstoffe im Arzneimittelbereich oder
erhöhte Giftstoffanteile in gefälschten
Zigaretten können schwerwiegende gesundheitliche
Schäden auslösen.
Als am 8. September 1989 ein Flugzeug der Norwegischen
Partnair ins Meer stürzte und 55 Menschen
das Leben kostete, ergaben anschließende
Untersuchungen, dass gefälschte Flugzeugteile
den Absturz verursachten.
Dabei ist sich der Großteil der Verbraucher
über das gesundheitliche Risiko durch gefälschte
und kopierte Produkte durchaus im Klaren. Eine
Studie von Ernst&Young belegt, dass bei 67
Prozent der Verbraucher das Bewusstsein
für solche Gefahren ausgeprägt ist.
Dieses Bewusstsein hat jedoch keinen zwangsläufigen
Einfluss auf die Kaufentscheidung. So kauften
knapp ein Drittel der Menschen
in Europa in den vergangenen drei Jahren Plagiate
oder Fälschungen. Produktpiraterie wird häufig
durch mangelndes Unrechtsbewusstsein als Kavaliersdelikt
abgetan.
Geistiger Diebstahl kann in der Tat im Einzelfall
positive Aspekte beinhalten. So ist in meiner
Branche die politische Produktpiraterie, sofern
sie denn anerkannte Konzepte und intelligente
Lösungen anderer Länder, Parteien oder
Experten kopiert, durchaus ein bewährtes
und häufig angewendetes Mittel, auch wenn
Peer Steinbrück die Familienministerin unlängst
für politische Produktpiraterie tadelte.
Was jedoch den Kampf gegen Marken- und Produktpiraterie
angeht, so muss in der Öffentlichkeit ein
Bewusstseinswandel herbeigeführt werden.
Wichtig ist die verstärkte Sensibilisierung
der Verbraucher, welche ethischen, wirtschaftlichen
und gesundheitlichen Risiken mit dem Erwerb von
gefälschten Waren verbunden sind. Gleichzeitig
müssen dreiste Ideendiebe an den Pranger
gestellt werden.
Zu beiden Aspekten tragen Sie, sehr geehrter
Herr Busse, maßgeblich und auf humorvolle
Weise mit der jährlichen Verleihung ihres
kleinen giftigen Zwerges an die dreistesten Kopisten
bei.
So ist der Plagiarius-Preis wohl kaum eine Auszeichnung
im Sinne einer Anerkennung. Vielmehr ist er eine
Aberkennung. Eine Aberkennung von Fantasie, Innovation
und Kreativität. Darin liegt die besondere
Bedeutung des Plagiarius-Preises – er bringt
die Empörung über den frechen geistigen
Diebstahls plakativ zum Ausdruck.
Die Problematik des geistigen Diebstahls und
die damit einhergehende Empörung der Betroffenen
reichen im Übrigen zurück bis in der
Antike. Die begriffliche Herleitung von „Plagiarius“,
dem „Menschenräuber“, geht auf
den römischen Dichter Martial zurück,
der vor allem durch seine berühmten Epigramme
Ruhm erlangte. Durch die Epigramme erreichte aber
auch Martials Zeitgenosse Fidentinus zweifelhafte
Berühmtheit, dessen Name häufig in einem
unrühmlichen Zusammenhang erwähnt wurde.
Grund für Martials Empörung war die
Erkenntnis, dass Fidentinus seine Gedichte kopierte
und frech als die eigenen ausgab. Martial verglich
daraufhin seine literarischen Werke mit Kindern
oder Sklaven, welchen er die Freiheit geschenkt
habe und beschimpfte daraufhin den Fidentinus
als Dieb und Menschenräuber. Gleichzeitig
forderte der erboste Martial, dass der Plagiator,
konfrontiert mit seinem skrupellosen geistigen
Diebstahl, schon erröten möge („inpones
plagiario pudorem“).
Ich bin zuversichtlich, dass genau diese Schamesröte
auch den diesjährigen Plagiarius-Preisträgern
ins Gesicht steigen wird, wenn sie morgen die
Post öffnen.
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