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10.02.2006 - Rede von A.W. Graf von Faber-Castell anlässlich der Plagiarius-Verleihung 2006 auf der "Ambiente" in Frankfurt

 

Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Herr Professor Busse,

ich bedanke mich herzlich für die Einladung und freue mich, dass ich heute anlässlich der 30. Verleihung von Plagiarius zu Ihnen über das brisante Thema Marken- und Produktpiraterie sprechen darf. Das tue ich insbesondere auch als Betroffener, aber darauf komme ich später zurück.

Erlauben Sie mir einen kurzen Rückblick, der die Pionierleistung von Dr. Busse untermauert: Es war genau hier, auf der „Ambiente“, im Jahr 1977, als Professor Busse auf dem Stand eines Herstellers aus Hong Kong ein exaktes Plagiat der von ihm entworfenen Brief/Diätwaage 8600 der Firma Soehnle-Waagen entdeckte – angeboten zu einem Sechstel des Originalpreises und natürlich auch in deutlich schlechterer Qualität. Er beschloss, durch die Vergabe eines Negativpreises und dessen Bekanntmachung, die Öffentlichkeit auf diesen Misstand aufmerksam zu machen und sie über die volkswirtschaftlichen Schäden aufzuklären. Seither wird alljährlich auf der Ambiente der „Plagiarius“ verliehen – ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase – für die dreistesten Plagiate des Jahres. Eine, wie ich finde, brillante PR-Idee, die in den Folgejahren eine beachtliche Medienwirkung entfaltet hat. Aber nicht nur dies. Die Aktion Plagiarius konnte eine Reihe von Erfolgen verbuchen: Sie trug einerseits einen wesentlichen Teil zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit bei und entwickelte Schutzrechtsstrategien für Betroffene, sie sorgte andererseits aber auch für verbesserte rechtliche Rahmenbedinungen wie zum Beispiel das Gesetz gegen Produkt- und Markenpiraterie, das 1990 in Kraft trat und u.a. auch den Handel mit Plagiaten unter Strafe stellt.

Was aber ist ein Plagiat? Und was eine Fälschung? Irrtümlicherweise werden ja beide Begriffe häufig synonym benutzt. Sie sind jedoch voneinander abzugrenzen. Ein Plagiat wäre, wenn ich diesen wundervollen Zwerg aus meinem Bleistiftholz nachschnitze, ihm statt einer goldenen eine Castell-grüne Nase verpasse, und ihn „Fabiarius“ nenne. Eine Fälschung ist nicht nur eine identische Kopie, sie trägt obendrein Logo und Markennamen des erfolgreichen Originales und ist auf den ersten oder auch zweiten Blick nicht von jenem zu unterscheiden.

Die Fälschungen sind es, die mir als Unternehmer das größte Kopfzerbrechen bereiten. Faber-Castell Produkte werden millionenfach kopiert und es ist schwierig, die Höhe der Verluste für unser Unternehmen in Euro zu beziffern. Viel schlimmer als das entgangene Geschäft und die oft miserable Qualität der Fälschung ist jedoch, dass das Vertrauen der Verbraucher in die Marke Faber-Castell nachhaltig geschädigt wird.

Die Faber-Castell Fälscher kopieren äußerst dreist und haben in der Vergangenheit (2004) auch schon den Plagiarius erhalten, was sie aber offensichtlich nicht weiter kümmert, denn in den letzten 2 Jahren allein haben wir 3 Millionen gefälschter Faber-Castell Blei- und Farbstifte in China sichergestellt und dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Zwar winken den Fälschern Geldstrafen, doch kommen die weltweit agierenden Händler leider oft ungeschoren davon.

Schon die erfolgreichen Produkte meines Urgroßvaters Lothar von Faber wurden in großem Stil kopiert. Weil sein Name für Qualität bürgte, wurden seine Produkte, die eleganten Verpackungen und der Markenname „A.W. Faber“ schamlos imitiert. Schließlich reichte er 1874 eine Petition zum Schutz des Markenartikels beim Deutschen Reichstag ein – das Gesetz trat dann 1875 in Kraft. Lothar von Faber war also Wegbereiter eines einheitlichen Markenschutzgesetzes in Deutschland.

Heute werden die Plagiate und Fälschungen im Falle Faber-Castell zu fast 100 Prozent aus dem asiatischen Raum insbesondere China hergestellt. Die Welthandelsorganisation (WHO) tut sich schwer, die westliche Vorstellung von geistigem Eigentum im asiatischen Raum zu etablieren. In China gilt es als ehrenhaft, Meister zu kopieren, erst dann könne man Individuelles schaffen. Das ist ein großes Problem. Das Verständnis für geistiges Eigentum und Urherberrechte sind in Asien kaum vorhanden. Das EU-Parlament will neuerdings verstärkt gegen die Fälscher vorgehen und den Handel mittels drakonisch heraufgesetzter Strafen eindämmen.
Es ist äußerst schwierig, aufwendig und Kosten treibend, Fälschern auf die Spur zu kommen. Gerade deswegen ist es auch so wichtig, Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu schaffen für die negativen Auswirkungen von Produkt- und Markenpiraterie. Denn die Auswirkungen treffen jeden von uns. Produktpiraten schädigen die deutsche Wirtschaft jährlich um rund 29 Mrd. Euro und gefährden Zehntausende Arbeitsplätze. Europaweit liegt die Summe bei rund 200-300 Milliarden Euro. Fast acht Prozent des Welthandels entfällt auf gefälschte Produkte. Eine ungeheure Zahl.

Produktpiraten kennen keine Krisenzeiten. Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen hatte das Geschäft der Fälscher und Nachahmer auch im vergangenen Jahr weltweit geboomt. Der deutsche Zoll hat allein in 2005 hat Plagiate im Wert von 91 Mio. Euro beschlagnahmt. Dr. Busse hat vor kurzem in einem Interview mit der Zeitschrift „Markenartikel“ folgendes gesagt: „Heute hat Produkt –und Markenpiraterie ein erschreckendes Ausmaß angenommen. Was als laienhafte Kopierversuche in Hinterhof-Werkstätten begann, hat sich zu einer hochprofessionellen Industrie mit weltweitem Netzwerk entwickelt, hinter dem laut ICC London sogar die Mafia und das organisierte Verbrechen stecken.“ Meine Damen und Herren, ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es Fälle aus Lateinamerika gibt, in denen die Polizei Razzien bei Fälschern und deren Händlern ablehnte – aus Angst vor fatalen Konsequenzen.

Die Branche der Fälscher ist äußerst aktiv und innovativ. Sie hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schneller globalisiert und transformiert als manch legales Vorbild. Jährlich werden weltweit inzwischen an die 500 Milliarden Dollar mit gefälschten Markenartikeln verdient und dabei hat sich das Internet hat sich zum wichtigsten Vertriebskanal für "Fakes" etabliert.

Längst sind es nicht mehr nur Luxusartikel, die im Fokus der Epigonen stehen. Marken, die aufgrund ihrer Qualität, ihres Designs und ihrer hohen Funktionalität ein hohes Ansehen und das Vertrauen der Verbraucher genießen, werden schamlos nachgeahmt, wie das Beispiel Faber-Castell, aber auch das der heutigen Preisträger demonstriert. Hinter jedem erfolgreichen Original stecken innovative Ideen, mutige Investitionen und harte Arbeit genauso wie ein hoher Qualitätsanspruch, soziales Verständnis und der Wunsch nach Zukunftssicherung. Oberstes Ziel jeder Marke ist, das Produktvertrauen der Konsumenten langfristig zu erhalten. Daher darf es im Kampf um den Markenschutz auch bei konkurrierenden Markenunternehmen kein Gegeneinander, sondern nur ein Miteinander geben. Auch Faber-Castell hat sich mit seinen Mitwettbewerbern zusammengetan, und geht weltweit rigoros und an vielen Stellen recht erfolgreich gegen Fälscher vor. Der Plagiarius-Preis unterstützt das Bedürfnis aller Markenartikler nach Sensibilisierung und Aufklärung der Öffentlichkeit und rückt die Skrupellosigkeit der Nachahmer ins öffentliche Bewusstsein. Deswegen, meine Damen und Herren, verleihe ich an dieser Stelle auch gerne die diesjährigen Auszeichnungen mit dem "Plagiarius".