Sehr geehrte Damen und Herren,
lieber Herr Professor Busse,
ich bedanke mich herzlich für die Einladung
und freue mich, dass ich heute anlässlich
der 30. Verleihung von Plagiarius zu Ihnen über
das brisante Thema Marken- und Produktpiraterie
sprechen darf. Das tue ich insbesondere auch als
Betroffener, aber darauf komme ich später
zurück.
Erlauben Sie mir einen kurzen Rückblick,
der die Pionierleistung von Dr. Busse untermauert:
Es war genau hier, auf der „Ambiente“,
im Jahr 1977, als Professor Busse auf dem Stand
eines Herstellers aus Hong Kong ein exaktes Plagiat
der von ihm entworfenen Brief/Diätwaage 8600
der Firma Soehnle-Waagen entdeckte – angeboten
zu einem Sechstel des Originalpreises und natürlich
auch in deutlich schlechterer Qualität. Er
beschloss, durch die Vergabe eines Negativpreises
und dessen Bekanntmachung, die Öffentlichkeit
auf diesen Misstand aufmerksam zu machen und sie
über die volkswirtschaftlichen Schäden
aufzuklären. Seither wird alljährlich
auf der Ambiente der „Plagiarius“
verliehen – ein schwarzer Zwerg mit goldener
Nase – für die dreistesten Plagiate
des Jahres. Eine, wie ich finde, brillante PR-Idee,
die in den Folgejahren eine beachtliche Medienwirkung
entfaltet hat. Aber nicht nur dies. Die Aktion
Plagiarius konnte eine Reihe von Erfolgen verbuchen:
Sie trug einerseits einen wesentlichen Teil zur
Sensibilisierung der Öffentlichkeit bei und
entwickelte Schutzrechtsstrategien für Betroffene,
sie sorgte andererseits aber auch für verbesserte
rechtliche Rahmenbedinungen wie zum Beispiel das
Gesetz gegen Produkt- und Markenpiraterie, das
1990 in Kraft trat und u.a. auch den Handel mit
Plagiaten unter Strafe stellt.
Was aber ist ein Plagiat? Und was eine Fälschung?
Irrtümlicherweise werden ja beide Begriffe
häufig synonym benutzt. Sie sind jedoch voneinander
abzugrenzen. Ein Plagiat wäre, wenn ich diesen
wundervollen Zwerg aus meinem Bleistiftholz nachschnitze,
ihm statt einer goldenen eine Castell-grüne
Nase verpasse, und ihn „Fabiarius“
nenne. Eine Fälschung ist nicht nur eine
identische Kopie, sie trägt obendrein Logo
und Markennamen des erfolgreichen Originales und
ist auf den ersten oder auch zweiten Blick nicht
von jenem zu unterscheiden.
Die Fälschungen sind es, die mir als Unternehmer
das größte Kopfzerbrechen bereiten.
Faber-Castell Produkte werden millionenfach kopiert
und es ist schwierig, die Höhe der Verluste
für unser Unternehmen in Euro zu beziffern.
Viel schlimmer als das entgangene Geschäft
und die oft miserable Qualität der Fälschung
ist jedoch, dass das Vertrauen der Verbraucher
in die Marke Faber-Castell nachhaltig geschädigt
wird.
Die Faber-Castell Fälscher kopieren äußerst
dreist und haben in der Vergangenheit (2004) auch
schon den Plagiarius erhalten, was sie aber offensichtlich
nicht weiter kümmert, denn in den letzten
2 Jahren allein haben wir 3 Millionen gefälschter
Faber-Castell Blei- und Farbstifte in China sichergestellt
und dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Zwar
winken den Fälschern Geldstrafen, doch kommen
die weltweit agierenden Händler leider oft
ungeschoren davon.
Schon die erfolgreichen Produkte meines Urgroßvaters
Lothar von Faber wurden in großem Stil kopiert.
Weil sein Name für Qualität bürgte,
wurden seine Produkte, die eleganten Verpackungen
und der Markenname „A.W. Faber“ schamlos
imitiert. Schließlich reichte er 1874 eine
Petition zum Schutz des Markenartikels beim Deutschen
Reichstag ein – das Gesetz trat dann 1875
in Kraft. Lothar von Faber war also Wegbereiter
eines einheitlichen Markenschutzgesetzes in Deutschland.
Heute werden die Plagiate und Fälschungen
im Falle Faber-Castell zu fast 100 Prozent aus
dem asiatischen Raum insbesondere China hergestellt.
Die Welthandelsorganisation (WHO) tut sich schwer,
die westliche Vorstellung von geistigem Eigentum
im asiatischen Raum zu etablieren. In China gilt
es als ehrenhaft, Meister zu kopieren, erst dann
könne man Individuelles schaffen. Das ist
ein großes Problem. Das Verständnis
für geistiges Eigentum und Urherberrechte
sind in Asien kaum vorhanden. Das EU-Parlament
will neuerdings verstärkt gegen die Fälscher
vorgehen und den Handel mittels drakonisch heraufgesetzter
Strafen eindämmen.
Es ist äußerst schwierig, aufwendig
und Kosten treibend, Fälschern auf die Spur
zu kommen. Gerade deswegen ist es auch so wichtig,
Bewusstsein in der Öffentlichkeit zu schaffen
für die negativen Auswirkungen von Produkt-
und Markenpiraterie. Denn die Auswirkungen treffen
jeden von uns. Produktpiraten schädigen die
deutsche Wirtschaft jährlich um rund 29 Mrd.
Euro und gefährden Zehntausende Arbeitsplätze.
Europaweit liegt die Summe bei rund 200-300 Milliarden
Euro. Fast acht Prozent des Welthandels entfällt
auf gefälschte Produkte. Eine ungeheure Zahl.
Produktpiraten kennen keine Krisenzeiten. Im Gegensatz
zu vielen anderen Branchen hatte das Geschäft
der Fälscher und Nachahmer auch im vergangenen
Jahr weltweit geboomt. Der deutsche Zoll hat allein
in 2005 hat Plagiate im Wert von 91 Mio. Euro
beschlagnahmt. Dr. Busse hat vor kurzem in einem
Interview mit der Zeitschrift „Markenartikel“
folgendes gesagt: „Heute hat Produkt –und
Markenpiraterie ein erschreckendes Ausmaß
angenommen. Was als laienhafte Kopierversuche
in Hinterhof-Werkstätten begann, hat sich
zu einer hochprofessionellen Industrie mit weltweitem
Netzwerk entwickelt, hinter dem laut ICC London
sogar die Mafia und das organisierte Verbrechen
stecken.“ Meine Damen und Herren, ich kann
aus eigener Erfahrung sagen, dass es Fälle
aus Lateinamerika gibt, in denen die Polizei Razzien
bei Fälschern und deren Händlern ablehnte
– aus Angst vor fatalen Konsequenzen.
Die Branche der Fälscher ist äußerst
aktiv und innovativ. Sie hat sich in den vergangenen
Jahrzehnten schneller globalisiert und transformiert
als manch legales Vorbild. Jährlich werden
weltweit inzwischen an die 500 Milliarden Dollar
mit gefälschten Markenartikeln verdient und
dabei hat sich das Internet hat sich zum wichtigsten
Vertriebskanal für "Fakes" etabliert.
Längst sind es nicht mehr nur Luxusartikel,
die im Fokus der Epigonen stehen. Marken, die
aufgrund ihrer Qualität, ihres Designs und
ihrer hohen Funktionalität ein hohes Ansehen
und das Vertrauen der Verbraucher genießen,
werden schamlos nachgeahmt, wie das Beispiel Faber-Castell,
aber auch das der heutigen Preisträger demonstriert.
Hinter jedem erfolgreichen Original stecken innovative
Ideen, mutige Investitionen und harte Arbeit genauso
wie ein hoher Qualitätsanspruch, soziales
Verständnis und der Wunsch nach Zukunftssicherung.
Oberstes Ziel jeder Marke ist, das Produktvertrauen
der Konsumenten langfristig zu erhalten. Daher
darf es im Kampf um den Markenschutz auch bei
konkurrierenden Markenunternehmen kein Gegeneinander,
sondern nur ein Miteinander geben. Auch Faber-Castell
hat sich mit seinen Mitwettbewerbern zusammengetan,
und geht weltweit rigoros und an vielen Stellen
recht erfolgreich gegen Fälscher vor. Der
Plagiarius-Preis unterstützt das Bedürfnis
aller Markenartikler nach Sensibilisierung und
Aufklärung der Öffentlichkeit und rückt
die Skrupellosigkeit der Nachahmer ins öffentliche
Bewusstsein. Deswegen, meine Damen und Herren,
verleihe ich an dieser Stelle auch gerne die diesjährigen
Auszeichnungen mit dem "Plagiarius".
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