1977 von Prof. Rido Busse ins Leben
gerufen, wird der Negativpreis "Plagiarius"
- Symbol ist der schwarze Zwerg mit der goldenen
Nase - dieses Jahr bereits zum 28. Mal verliehen.
Ziel war und ist, die Öffentlichkeit über
die skrupellosen Machenschaften der einfallslosen
Nachahmer aufzuklären und sie für Ausmaß
und die immensen negativen (volks-)wirtschaftlichen
Auswirkungen des Problems zu sensibilisieren: Nicht
nur, dass Arbeitsplätze vernichtet werden und
die kreativen Originalhersteller, die viel Zeit
und Geld in Forschung, Entwicklung und Marketing
investieren, zunehmend mit stark rückläufigen
Umsätzen und unberechtigten Produkthaftungsklagen
konfrontiert werden; auch die Endverbraucher beginnen,
sich mit dem Thema auseinander zu setzen und merken,
dass sie am vermeintlichen Schnäppchen mangels
Qualität nicht lange Freude haben.
Tatsächlich hat sich die Wahrnehmung des Problems
in den letzten Jahren vom Kavaliersdelikt zur ernst
genommenen Kriminalität entwickelt –
spätestens seitdem darüber berichtet wurde,
dass Herstellung und Vertrieb von Plagiaten und
Fälschungen sogar der Finanzierung terroristischer
Aktivitäten dienen.
Woran aber liegt es, dass der Handel mit Plagiaten
und Fälschungen so lukrativ ist und das Ausmaß
trotz vehementer Bemühungen zahlreicher (inter-)nationaler
Institutionen so stark zunimmt? Eine Reihe von Faktoren
spielen eine Rolle:
- die Kriminellen in Nadelstreifen kopieren ausschließlich
erfolgreiche Produkte, d.h. sie profitieren von
den Investitionen eines Anderen in Idee und Vermarktung
und bereichern sich aufgrund hoher Absatzmengen
und großer Gewinnspannen
- Häufig verwenden die Nachahmer billigste
Materialien, produzieren in Niedriglohnländern
und berücksichtigen keinerlei gesetzliche
Standards in Bezug auf Qualität, Umwelt,
Sicherheit etc.
- Neue Techniken - grundsätzlich positiv
für den Fortschritt unserer Wirtschaft -
unterstützen das Handeln der Plagiatoren:
Mittels Digitalkamera, Scanner, eMail, Internet
und Co. können Produkte, Verpackungen und
Werbemittel immer problemloser und vor allem schneller
kopiert und weltweit vertrieben werden
- Anti-Schmuggelkampagnen z.B. in Südostasien
zwingen die Kriminellen dort, sich zu "reorientieren"
- Schmuggel ist aufgrund intensiver Verfolgung,
hoher Strafen und stark sinkender Zollsätze
(siehe WTO-Beitritt Chinas) immer unattraktiver
geworden
- Die Strafen für Herstellung und Vertrieb
von Plagiaten und Fälschungen sind dagegen
meist gering - obwohl per Gesetz die Möglichkeit
besteht, bis zu 5 Jahren Gefängnis zu verhängen,
werden häufig nur finanzielle Strafen angeordnet
(high profit – low risk)
Die Annahme, dass Plagiate und Fälschungen
fast ausschließlich aus Fernost, insbesondere
China und Taiwan, kommen, stimmt nur bedingt.
Zum einen gilt es, die beiden Begriffe Plagiat
und Fälschung, die umgangssprachlich häufig
synonym und willkürlich benutzt werden, deutlich
voneinander abzugrenzen. Gemeinsam haben beide,
dass es sich um (nahezu) identische Nachahmungen
von erfolgreichen Produkten handelt, die mit dem
Ziel hergestellt werden, auf Kosten eines Anderen
schnellen Profit zu machen. Bei der Fälschung
wird jedoch zusätzlich zum Design auch der
Firmenname, die Marke und/oder das Logo des renommierten
Originalherstellers kopiert. Der Fälscher
eignet sich nicht nur eine fremde Idee an, er
gibt auch vor, ein anderer zu sein. Er täuscht
den Kunden über seine Herkunft und gibt ein
Versprechen über eine bestimmte Qualität
ab – für die der Originalhersteller
bekannt ist - die der Fälscher aber in der
Regel nicht hält. Für Plagiat und Fälschung
gilt: Die Herstellung und der Vertrieb sind nur
dann rechtswidrig, wenn der Originalhersteller
seine Produkte durch die Eintragung gewerblicher
Schutzrechte (Patent, Marke, Geschmacks- / Gebrauchsmuster,
Urheberrecht) schützt. Will man die Plagiatoren
und Fälscher also für ihre Machenschaften
zur Rechenschaft ziehen, sollte man unbedingt
gewerbliche Schutzrechte anmelden und eintragen.
Fest steht, dass Fälschungen eindeutiger
und somit leichter nachweisbar und verfolgbar
sind. Das wissen auch die Plagiatoren und es erklärt,
warum Plagiate – im Vergleich zu Fälschungen
- nicht überwiegend in Asien, sondern weltweit
hergestellt werden. Amerikaner, Schweizer, Niederländer,
Deutsche sind da nicht besser und nicht schlechter
als Chinesen, Australier, Tschechen usw –
teils stammen Originalhersteller und Plagiator
sogar aus der gleichen Stadt (Bsp. Solingen oder
Tuttlingen). Ethische Bedenken und Fair Play werden
auch in westlichen Ländern oftmals über
Bord geworfen, wenn dicke Gewinne winken.
Zum besseren Verständnis – aber nicht
als Entschuldigung- warum Fälschungen, und
teils auch Plagiate aus Fernost, speziell China
kommen, sollte man folgendes wissen: In China
herrscht traditionell ein anderes Denken in Bezug
auf Geistiges Eigentum. So gilt es als erstrebenswert,
den 'Meister' so gut wie möglich zu kopieren
– erst wenn dies erreicht ist, kann man
Eigenes schaffen. Auch ist es den Chinesen fremd,
dass eine Idee einem Einzelnen gehört und
nur entgeltlich von anderen benutzt werden darf.
Die wirtschaftlichen Bedingungen in China tun
ihr Übriges: So leben beispielsweise ganze
Regionen und Industriezweige von der Herstellung
und dem Verkauf von Plagiaten und Fälschungen.
In einigen Regionen findet man in den Läden
kaum Originalprodukte. Besonders stark involviert
sind die Regionen Zhejiang und GuangDong. Dies
bestätigen sowohl unsere Erfahrungen als
auch offizielle Berichte. Vor diesem Hintergrund
wird deutlich, dass es ein langer und schwieriger
Prozess ist, bis ein Umdenken statt findet und
Realität wird. Der Beitritt zur WTO ist ein
erster Schritt in die richtige Richtung. Einige
chinesische Institutionen wie z. B. das Quality
Brand Protection Committee unterstützen Betroffene
erfolgreich bei Verstößen in China.
Innerhalb der EU haben neue Gesetze in der letzten
Zeit die rechtliche Basis zum Schutz der Kreativen
und zur Verfolgung der Plagiatoren deutlich verbessert.
Ein wesentlicher Schritt ist u.a. das neue Gemeinschaftsgeschmacksmuster
(GGM), welches seit 1.April 2003 in Kraft ist
und EU-weit neue Gestaltungen schützt. Das
GGM gibt es in zwei Formen:
a) das eingetragene Gemeinschaftsgeschmacksmuster
Es entsteht durch Anmeldung und Eintragung beim
Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt in
Alicante (www.oami.eu.int) und schützt neue
Gestaltungen für max. 25 Jahre. Es gilt seit
1. April 2003.
b) das nicht eingetragene Gemeinschaftsgeschmacksmuster
Es entsteht durch Offenbarung der neuen Gestaltung
und schützt für max. 3 Jahre. Es existiert
bereits seit 6.März 2002.
Was aber genau heißt „Offenbarung“
und wie ist sie nachweisbar, insbesondere vor
Gericht? www.designpublisher.com – eine
Initiative der Plagiarius Consultancy - ist eine
neutrale Online-Plattform, auf der kreative Designer
oder Firmen preiswert, geordnet, öffentlichkeitswirksam
und fälschungssicher ihre neuen Gestaltungen
präsentieren können. Innerhalb von 12
Monaten ab Offenbarung besteht zusätzlich
die Möglichkeit unter www.oami.eu.int zum
eingetragenen Gemeinschaftsgeschmacksmuster anzumelden.
Dies ermöglicht es, ein Jahr den Markt zu
beobachten und dann zu entscheiden, ob ein 3-jähriger
Schutz ausreicht oder ob eine Investition in 25-jährigen
Schutz lohnt. Zusätzlich dient der Designpublisher
der Vermittlung zwischen Designern und Herstellern.
Über den „Lizenz“-Button haben
Designer die Möglichkeit, ihre neuen Gestaltungen
zur Lizenz anzubieten. Hersteller können
die Datenbank speziell nach dieser Funktion filtern
und alle Angebote sichten.
Die Jury des Plagiarius 2004:
Die Jury wird jedes Jahr neu zusammengestellt
aus Vertretern der Bereiche Design, Gewerblicher
Rechtsschutz, Wirtschaft, Medien etc. Die Jury
des Plagiarius-Wettbewerbs 2004 setzte sich wie
folgt zusammen:
- Dr. Doris André, ehem. Vorstand Personal
+ Sozialwesen BAT British American Tobacco, Hamburg
- Prof. Dr. Till Behrens, Designer / Architekt,
Frankfurt
- Sabine Gaschütz, Leiterin Abt. Wirtschaft
SÜDWESTRUNDFUNK, Stuttgart
- Julia Goll, Richterin, Leonberg
- Dr. Michael Loschelder, Generalsekretär
GRUR - Deutsche Vereinigung für gew. Rechtsschutz
u. Urheberrecht e. V., Köln
- Wolf-Peter Schwarz, Ehinger-Schwarz GmbH &
Co. KG, Ulm
- Alexander Wetzig, Bürgermeister der Stadt
Ulm
Juristische Beratung:
- Dr. Aliki Busse, Rechtsanwältin, Busse
& Partner, München
Die Preisträger des Plagiarius 2004:
Die Jury traf sich am 17. Januar 2004 und vergab
drei Preise, sieben Auszeichnungen und drei Sonderpreise
aus insgesamt 35 Einsendungen:
1. Preis
Davoser Klappschlitten
Original: rudisport Spiel- und Sportgeräte,
Ulm
Plagiat: Hersteller: Funcenter Industrial Inc.,
Taipei, Taiwan Vertrieb: Schreuders Sport Intl.
B.V., Leerdam, Niederlande
2. Preis
Isolierkanne "Modern Classic No. 1"
Original: alfi GmbH, Wertheim
Plagiat: Taizhou Dongbao Plastic Vessel Co. Ltd.,
Huangyan, China
3. Preis
Elektrischer Händetrockner HTE 4
Original: Stiebel Eltron GmbH, Holzminden
Plagiat: GENESIS, Zhejiang, China
Sieben gleichrangige „Auszeichnungen“
wurden vergeben an:
Sammelbox-trend
Original: dataplus GmbH Kratzert & Schrem,
Pfullendorf
Plagiat: Aulfes GmbH, Cham
Box für Kaffeekapseln
Noch vor der offiziellen Preisverleihung und der
Kenntnis vom Negativpreis haben sich der Originalhersteller
und der Plagiator geeinigt. Der Plagiator hat
die Plagiate aus seinen Läden entfernt und
wird diese nicht weiter verkaufen.
Spielzeugfahrzeug "Kartoffelvollernter Grimme"
Original: BRUDER Spielwaren GmbH + Co. KG, Fürth
Plagiat: Impag Toys Europe B.V., Winschoten, Niederlande
Salatschleuder "Good Grips"
Original: OXO International, New York, USA
Plagiat: KAKUSE Co. Ltd., Niigata-ken, Japan
Küchenhelfer-Set "Profile"
Original: Brabantia Nederland B.V., Waalre, Niederlande
Plagiat: Leifheit AG, Nassau
PROLYTE BOX–30V – Variables Knotenelement
für Vierkant-Traverse
Original: PROLYTE PRODUCTS Group, Leek, Niederlande
Plagiat: Milos s.r.o., Roudnice nad Labem, Tschechien
Riesen-Stabfeuerzeuge XXL Match Lighter / XL Baby
Match Lighter
Original: WFG Werbeartikel GmbH, Eschborn
Plagiat: Wenzhou Success Group Co. Ltd., Zhejiang,
China
Folgende drei "Sonderpreise" wurden
verliehen:
"Sonderpreis für eine Fälschung"
Radiergummi-Set
Original: FABER-CASTELL AG, Stein
Fälschung: Zhengjiang Zhengda Stationery
Co. Ltd., Zhejiang, China
"Sonderpreis für eine Fälschung"
"Red Dot Award: Intl. Yearbook Communication
Design 2002/2003"
Original: Verlag: avedition GmbH, Ludwigsburg
Herausgeber: Prof. Dr. Peter Zec, Essen
Fälschung: Chinesische Firma, Name unbekannt
"Krämerseelenpreis" (Für Händler)
Lichterkette "Perlen Light Line"
Original: Hartmut Räder Wohnzubehör
GmbH u. Co. KG, Bochum
Plagiat: Vertrieb: Blokker GmbH, Wetzlar
Die Verleihung des „Plagiarius 2004“
findet statt während der
Frankfurter ,„Ambiente“
Congress Centrum, Messe Frankfurt
Raum „Illusion 1-3“
Termin: Freitag, 20. Februar 2004, 11:30 Uhr.
Die Laudatio auf die „Preisträger“
hält Prof. Dr. h.c. Lothar Späth,
Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg
a. D.
Die Plagiarius-Preisträger 2003 und 2004
werden im Rahmen der Sonderschau "Plagiarius"
während der Ambiente vom 20.-24. Februar
2004 im Foyer 4.1 präsentiert.
Zusätzlich zeigen wir erstmals die Sonderausstellung
"Das Tempo-Taschentuch – 1 Original
und 100 Plagiate", eine Leihgabe von Christian
Rommel, ROX Asia Consultancy Ltd., Hong Kong.
Die unvergleichliche Sammlung zeigt anhand eines
einzigen Produktes die ganze Bandbreite und den
'Erfindungsreichtum' der asiatischen Plagiatoren.
|
|