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20.02.2004 - PLAGIARIUS-VERLEIHUNG 2004

 
1977 von Prof. Rido Busse ins Leben gerufen, wird der Negativpreis "Plagiarius" - Symbol ist der schwarze Zwerg mit der goldenen Nase - dieses Jahr bereits zum 28. Mal verliehen. Ziel war und ist, die Öffentlichkeit über die skrupellosen Machenschaften der einfallslosen Nachahmer aufzuklären und sie für Ausmaß und die immensen negativen (volks-)wirtschaftlichen Auswirkungen des Problems zu sensibilisieren: Nicht nur, dass Arbeitsplätze vernichtet werden und die kreativen Originalhersteller, die viel Zeit und Geld in Forschung, Entwicklung und Marketing investieren, zunehmend mit stark rückläufigen Umsätzen und unberechtigten Produkthaftungsklagen konfrontiert werden; auch die Endverbraucher beginnen, sich mit dem Thema auseinander zu setzen und merken, dass sie am vermeintlichen Schnäppchen mangels Qualität nicht lange Freude haben.

Tatsächlich hat sich die Wahrnehmung des Problems in den letzten Jahren vom Kavaliersdelikt zur ernst genommenen Kriminalität entwickelt – spätestens seitdem darüber berichtet wurde, dass Herstellung und Vertrieb von Plagiaten und Fälschungen sogar der Finanzierung terroristischer Aktivitäten dienen.

Woran aber liegt es, dass der Handel mit Plagiaten und Fälschungen so lukrativ ist und das Ausmaß trotz vehementer Bemühungen zahlreicher (inter-)nationaler Institutionen so stark zunimmt? Eine Reihe von Faktoren spielen eine Rolle:

- die Kriminellen in Nadelstreifen kopieren ausschließlich erfolgreiche Produkte, d.h. sie profitieren von den Investitionen eines Anderen in Idee und Vermarktung und bereichern sich aufgrund hoher Absatzmengen und großer Gewinnspannen
- Häufig verwenden die Nachahmer billigste Materialien, produzieren in Niedriglohnländern und berücksichtigen keinerlei gesetzliche Standards in Bezug auf Qualität, Umwelt, Sicherheit etc.
- Neue Techniken - grundsätzlich positiv für den Fortschritt unserer Wirtschaft - unterstützen das Handeln der Plagiatoren: Mittels Digitalkamera, Scanner, eMail, Internet und Co. können Produkte, Verpackungen und Werbemittel immer problemloser und vor allem schneller kopiert und weltweit vertrieben werden
- Anti-Schmuggelkampagnen z.B. in Südostasien zwingen die Kriminellen dort, sich zu "reorientieren" - Schmuggel ist aufgrund intensiver Verfolgung, hoher Strafen und stark sinkender Zollsätze (siehe WTO-Beitritt Chinas) immer unattraktiver geworden
- Die Strafen für Herstellung und Vertrieb von Plagiaten und Fälschungen sind dagegen meist gering - obwohl per Gesetz die Möglichkeit besteht, bis zu 5 Jahren Gefängnis zu verhängen, werden häufig nur finanzielle Strafen angeordnet (high profit – low risk)

Die Annahme, dass Plagiate und Fälschungen fast ausschließlich aus Fernost, insbesondere China und Taiwan, kommen, stimmt nur bedingt. Zum einen gilt es, die beiden Begriffe Plagiat und Fälschung, die umgangssprachlich häufig synonym und willkürlich benutzt werden, deutlich voneinander abzugrenzen. Gemeinsam haben beide, dass es sich um (nahezu) identische Nachahmungen von erfolgreichen Produkten handelt, die mit dem Ziel hergestellt werden, auf Kosten eines Anderen schnellen Profit zu machen. Bei der Fälschung wird jedoch zusätzlich zum Design auch der Firmenname, die Marke und/oder das Logo des renommierten Originalherstellers kopiert. Der Fälscher eignet sich nicht nur eine fremde Idee an, er gibt auch vor, ein anderer zu sein. Er täuscht den Kunden über seine Herkunft und gibt ein Versprechen über eine bestimmte Qualität ab – für die der Originalhersteller bekannt ist - die der Fälscher aber in der Regel nicht hält. Für Plagiat und Fälschung gilt: Die Herstellung und der Vertrieb sind nur dann rechtswidrig, wenn der Originalhersteller seine Produkte durch die Eintragung gewerblicher Schutzrechte (Patent, Marke, Geschmacks- / Gebrauchsmuster, Urheberrecht) schützt. Will man die Plagiatoren und Fälscher also für ihre Machenschaften zur Rechenschaft ziehen, sollte man unbedingt gewerbliche Schutzrechte anmelden und eintragen.
Fest steht, dass Fälschungen eindeutiger und somit leichter nachweisbar und verfolgbar sind. Das wissen auch die Plagiatoren und es erklärt, warum Plagiate – im Vergleich zu Fälschungen - nicht überwiegend in Asien, sondern weltweit hergestellt werden. Amerikaner, Schweizer, Niederländer, Deutsche sind da nicht besser und nicht schlechter als Chinesen, Australier, Tschechen usw – teils stammen Originalhersteller und Plagiator sogar aus der gleichen Stadt (Bsp. Solingen oder Tuttlingen). Ethische Bedenken und Fair Play werden auch in westlichen Ländern oftmals über Bord geworfen, wenn dicke Gewinne winken.

Zum besseren Verständnis – aber nicht als Entschuldigung- warum Fälschungen, und teils auch Plagiate aus Fernost, speziell China kommen, sollte man folgendes wissen: In China herrscht traditionell ein anderes Denken in Bezug auf Geistiges Eigentum. So gilt es als erstrebenswert, den 'Meister' so gut wie möglich zu kopieren – erst wenn dies erreicht ist, kann man Eigenes schaffen. Auch ist es den Chinesen fremd, dass eine Idee einem Einzelnen gehört und nur entgeltlich von anderen benutzt werden darf. Die wirtschaftlichen Bedingungen in China tun ihr Übriges: So leben beispielsweise ganze Regionen und Industriezweige von der Herstellung und dem Verkauf von Plagiaten und Fälschungen. In einigen Regionen findet man in den Läden kaum Originalprodukte. Besonders stark involviert sind die Regionen Zhejiang und GuangDong. Dies bestätigen sowohl unsere Erfahrungen als auch offizielle Berichte. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass es ein langer und schwieriger Prozess ist, bis ein Umdenken statt findet und Realität wird. Der Beitritt zur WTO ist ein erster Schritt in die richtige Richtung. Einige chinesische Institutionen wie z. B. das Quality Brand Protection Committee unterstützen Betroffene erfolgreich bei Verstößen in China.

Innerhalb der EU haben neue Gesetze in der letzten Zeit die rechtliche Basis zum Schutz der Kreativen und zur Verfolgung der Plagiatoren deutlich verbessert. Ein wesentlicher Schritt ist u.a. das neue Gemeinschaftsgeschmacksmuster (GGM), welches seit 1.April 2003 in Kraft ist und EU-weit neue Gestaltungen schützt. Das GGM gibt es in zwei Formen:

a) das eingetragene Gemeinschaftsgeschmacksmuster
Es entsteht durch Anmeldung und Eintragung beim Harmonisierungsamt für den Binnenmarkt in Alicante (www.oami.eu.int) und schützt neue Gestaltungen für max. 25 Jahre. Es gilt seit 1. April 2003.

b) das nicht eingetragene Gemeinschaftsgeschmacksmuster
Es entsteht durch Offenbarung der neuen Gestaltung und schützt für max. 3 Jahre. Es existiert bereits seit 6.März 2002.

Was aber genau heißt „Offenbarung“ und wie ist sie nachweisbar, insbesondere vor Gericht? www.designpublisher.com – eine Initiative der Plagiarius Consultancy - ist eine neutrale Online-Plattform, auf der kreative Designer oder Firmen preiswert, geordnet, öffentlichkeitswirksam und fälschungssicher ihre neuen Gestaltungen präsentieren können. Innerhalb von 12 Monaten ab Offenbarung besteht zusätzlich die Möglichkeit unter www.oami.eu.int zum eingetragenen Gemeinschaftsgeschmacksmuster anzumelden. Dies ermöglicht es, ein Jahr den Markt zu beobachten und dann zu entscheiden, ob ein 3-jähriger Schutz ausreicht oder ob eine Investition in 25-jährigen Schutz lohnt. Zusätzlich dient der Designpublisher der Vermittlung zwischen Designern und Herstellern. Über den „Lizenz“-Button haben Designer die Möglichkeit, ihre neuen Gestaltungen zur Lizenz anzubieten. Hersteller können die Datenbank speziell nach dieser Funktion filtern und alle Angebote sichten.

Die Jury des Plagiarius 2004:

Die Jury wird jedes Jahr neu zusammengestellt aus Vertretern der Bereiche Design, Gewerblicher Rechtsschutz, Wirtschaft, Medien etc. Die Jury des Plagiarius-Wettbewerbs 2004 setzte sich wie folgt zusammen:

- Dr. Doris André, ehem. Vorstand Personal + Sozialwesen BAT British American Tobacco, Hamburg
- Prof. Dr. Till Behrens, Designer / Architekt, Frankfurt
- Sabine Gaschütz, Leiterin Abt. Wirtschaft SÜDWESTRUNDFUNK, Stuttgart
- Julia Goll, Richterin, Leonberg
- Dr. Michael Loschelder, Generalsekretär GRUR - Deutsche Vereinigung für gew. Rechtsschutz u. Urheberrecht e. V., Köln
- Wolf-Peter Schwarz, Ehinger-Schwarz GmbH & Co. KG, Ulm
- Alexander Wetzig, Bürgermeister der Stadt Ulm

Juristische Beratung:
- Dr. Aliki Busse, Rechtsanwältin, Busse & Partner, München

Die Preisträger des Plagiarius 2004:

Die Jury traf sich am 17. Januar 2004 und vergab drei Preise, sieben Auszeichnungen und drei Sonderpreise aus insgesamt 35 Einsendungen:

1. Preis
Davoser Klappschlitten
Original: rudisport Spiel- und Sportgeräte, Ulm
Plagiat: Hersteller: Funcenter Industrial Inc., Taipei, Taiwan Vertrieb: Schreuders Sport Intl. B.V., Leerdam, Niederlande

2. Preis
Isolierkanne "Modern Classic No. 1"
Original: alfi GmbH, Wertheim
Plagiat: Taizhou Dongbao Plastic Vessel Co. Ltd., Huangyan, China

3. Preis
Elektrischer Händetrockner HTE 4
Original: Stiebel Eltron GmbH, Holzminden
Plagiat: GENESIS, Zhejiang, China

Sieben gleichrangige „Auszeichnungen“ wurden vergeben an:

Sammelbox-trend
Original: dataplus GmbH Kratzert & Schrem, Pfullendorf
Plagiat: Aulfes GmbH, Cham

Box für Kaffeekapseln
Noch vor der offiziellen Preisverleihung und der Kenntnis vom Negativpreis haben sich der Originalhersteller und der Plagiator geeinigt. Der Plagiator hat die Plagiate aus seinen Läden entfernt und wird diese nicht weiter verkaufen.

Spielzeugfahrzeug "Kartoffelvollernter Grimme"
Original: BRUDER Spielwaren GmbH + Co. KG, Fürth
Plagiat: Impag Toys Europe B.V., Winschoten, Niederlande

Salatschleuder "Good Grips"
Original: OXO International, New York, USA
Plagiat: KAKUSE Co. Ltd., Niigata-ken, Japan

Küchenhelfer-Set "Profile"
Original: Brabantia Nederland B.V., Waalre, Niederlande
Plagiat: Leifheit AG, Nassau

PROLYTE BOX–30V – Variables Knotenelement für Vierkant-Traverse
Original: PROLYTE PRODUCTS Group, Leek, Niederlande
Plagiat: Milos s.r.o., Roudnice nad Labem, Tschechien

Riesen-Stabfeuerzeuge XXL Match Lighter / XL Baby Match Lighter
Original: WFG Werbeartikel GmbH, Eschborn
Plagiat: Wenzhou Success Group Co. Ltd., Zhejiang, China

Folgende drei "Sonderpreise" wurden verliehen:
"Sonderpreis für eine Fälschung"
Radiergummi-Set
Original: FABER-CASTELL AG, Stein
Fälschung: Zhengjiang Zhengda Stationery Co. Ltd., Zhejiang, China

"Sonderpreis für eine Fälschung"
"Red Dot Award: Intl. Yearbook Communication Design 2002/2003"
Original: Verlag: avedition GmbH, Ludwigsburg
Herausgeber: Prof. Dr. Peter Zec, Essen
Fälschung: Chinesische Firma, Name unbekannt

"Krämerseelenpreis" (Für Händler)
Lichterkette "Perlen Light Line"
Original: Hartmut Räder Wohnzubehör GmbH u. Co. KG, Bochum
Plagiat: Vertrieb: Blokker GmbH, Wetzlar

Die Verleihung des „Plagiarius 2004“ findet statt während der
Frankfurter ,„Ambiente“
Congress Centrum, Messe Frankfurt
Raum „Illusion 1-3“
Termin: Freitag, 20. Februar 2004, 11:30 Uhr.

Die Laudatio auf die „Preisträger“ hält Prof. Dr. h.c. Lothar Späth,
Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg a. D.

Die Plagiarius-Preisträger 2003 und 2004 werden im Rahmen der Sonderschau "Plagiarius" während der Ambiente vom 20.-24. Februar 2004 im Foyer 4.1 präsentiert.

Zusätzlich zeigen wir erstmals die Sonderausstellung "Das Tempo-Taschentuch – 1 Original und 100 Plagiate", eine Leihgabe von Christian Rommel, ROX Asia Consultancy Ltd., Hong Kong. Die unvergleichliche Sammlung zeigt anhand eines einzigen Produktes die ganze Bandbreite und den 'Erfindungsreichtum' der asiatischen Plagiatoren.