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14.02.2003 - Rede von Dr. h.c. Ingo Kober, Präsident des Europäischen Patentamts, anlässlich der Plagiarius-Verleihung 2003 auf der "Ambiente" in Frankfurt

 
Meine Damen und Herren,

Ich freue mich, anläßlich der diesjährigen Verleihung des "Plagiarius"- Preises in Frankfurt zu Ihnen sprechen zu dürfen. Der Preis wird heuer zum 27. Mal seit der Gründung der "Aktion Plagiarius" durch Prof. Rido Busse an Produkt- und Markenpiraten aller Sparten vergeben.

Ich danke dem Vorstand des Vereins "Aktion Plagiarius" nicht nur für die Einladung, sondern auch für das seit nunmehr über zwanzig Jahren erfolgreich geführte, unterstützenswerte Engagement im Kampf gegen internationale Plagiatoren. Die Öffentlichkeit zu informieren, indem Sie die Geschädigten den sonst oft unbekannt bleibenden plagiierenden Firmen gegenüberstellen und den Opfern so ein Forum bieten, ist zweifellos ein wichtiger erster Schritt, um Verletzungen, die sonst im Dunkeln blieben, rechtzeitig zu ermitteln und zu verfolgen.

Als ein persönlich Betroffener haben Sie sich, Professor Busse, veranlaßt gesehen, den Verein "Aktion Plagiarius" zu gründen und durch die ironische Verleihung eines Preises die skrupellosesten Plagiate aus Industrie-Design, Mode und Technik, Informationstechnologie und Spielwaren als "Diebstahl geistigen Eigentums" an den Pranger zu stellen.

Damit kommt Ihrer Arbeit das Verdienst zu, bisher nicht geleistete Öffentlichkeitsarbeit für kreative Köpfe, die geschützt werden müssen, zu betreiben und konsequent eine erhöhte Aufmerksamkeit über reine Fachkreise hinaus zu fordern; dies ist wichtig und notwendig, um langfristig erfolgreich gegen Plagiatoren vorzugehen.

Daß dies auch in der erkennbar nicht ernst gemeinten Form einer Preisverleihung geschieht, soll nicht nur dem Symbolcharakter einer Negativ-Ehrung, die den schwarzen Zwerg mit der goldenen Nase als Trophäe wählt, gerecht werden; es soll und kann darüber hinaus langfristig auch Nachahmer von ihrem weiteren Tun abschrecken.

Ein weiterer Schritt, den Nachahmern auf pfiffige Weise ein öffentliches Denkmal zu setzen, ist Ihnen, Prof. Busse, als Initiator des ganzen Unternehmens mit der Eröffnung des Museums Plagiarius in Berlin Ende 2001 gelungen. Dort ist eine Sammlung von mehr als 190 Plagiaten und Fälschungen ausgestellt, die im Zusammenhang mit der Verleihung des Plagiarius-Preises seit 1977 ausgezeichnet wurden. Ich wünsche mir, daß sich durch die Gründung des Museums und die alljährliche Plagiarius-Verleihung Synergien bilden, die eine zunehmende Sensibilisierung von Herstellern, Verbrauchern, Medien, Gesetzgeber und Handel erreicht und es den Produktpiraten immer schwerer macht, auf Kosten anderer wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen und schnellen Profit zu machen.

Klar ist: Plagiate und Markenpiraterie sind mehr als ein bloßes Kavaliersdelikt - sie sind ein kriminelles Vergehen, und die verursachten volkswirtschaftlichen Schäden erreichen ein enormes Ausmaß. Die erhobenen Daten zu Schätzungen von Plagiaten sind nur ein Anhaltspunkt und sollten vorsichtig bewertet werden, da von einer hohen Dunkelziffer auszugehen ist. So sollen nach Angaben der Europäischen Union und der Internationalen Handelskammer fünf bis sieben Prozent des gesamten Welthandels auf plagiierte Produkte entfallen, weltweit gehen dadurch 200.000 Arbeitsplätze im Jahr verloren, davon allein in Deutschland rund 50.000. Im Softwarebereich ist die Situation besonders eklatant: nach einer Schätzung der EU-Kommission werden fast 40 Prozent der Umsätze innerhalb der EU mit kopierter Software gemacht. Weltweit wird etwa der jährliche Schaden, der durch dreiste Plagiatoren entsteht, auf mittlerweile bis zu 300 Mrd. Euro geschätzt.

In erster Linie sind aber die Folgen für das plagiierte, kreative Unternehmen verheerend:
die Firma, die die Entwicklungskosten zu tragen hatte und ihre Waren zu höheren Preisen anbietet, bleibt dann auf ihren Produkten sitzen, nicht selten sind irreparable Image-Schäden infolge der Verwechslung mit den billigen Plagiaten oder gar existenzieller Ruin die Folge.

Um dagegen ein Zeichen zu setzen, deswegen, meine Damen und Herren, haben wir uns heute hier versammelt.

Im Mittelpunkt der Preisverleihung stehen in diesem Jahr vor allem Plagiatoren aus den Bereichen Haushaltstechnik und Schmuck, es geht also um konkrete Produkte wie Küchenmesser, Korkenzieher oder Isolierkannen, um nur einige zu nennen. Dabei markiert unsere heutige Veranstaltung eine ebenso traurige wie aufschlußreiche Entwicklung auf dem Feld der Plagiate und der Markenpiraterie: neben einem ersten, zweiten und dritten Preis werden fünf weitere Auszeichnungen, je ein Sonderpreis für Fälschung und Wiederholungstäter, zwei Krämerseelenpreise und der Sonderpreis für Serientäter vergeben. Die Täter stammen freilich längst nicht mehr nur aus Fernost, auch europäische und amerikanische Unternehmen besetzen hier zunehmend eine unrühmliche Rolle in dem Segment der Produktpiraterie und der skrupellosen Produktion von Fälschungen. Besonders ärgerlich für die Opfer sind hochraffinierte Plagiate, die zwar in Designdetails vom Original abweichen, jedoch im Gesamteindruck mit einem bekannten Produkt identisch sind.

Die heute "ausgezeichneten" Firmen stellen allerdings nur die Spitze des Eisbergs dar, tatsächlich ist von einer hohen Dunkelziffer der tatsächlichen Delikte auszugehen, deren Potenzial durch die Globalisierung und Interneteuphorie der letzten Jahre mittlerweile erschreckende Ausmaße annimmt. Dies läßt sich nicht allein an der erheblichen Zunahme der zum Wettbewerb der Plagiarius-Aktion eingesandten Produkte ablesen. Die Inflation der unerkannten Kopien und Fälschungen ist eine Schattenseite des rasanten technologischen Fortschritts, sie darf - und dem sollte unsere Anstrengung gelten - nicht verharmlost werden, wenn es um den Schutz von Innovation und Qualität geht. Ein wichtiger Schritt dahin ist die Aufklärung der Öffentlichkeit, und die hohe Medienpräsenz der heutigen Veranstaltung scheint zu bestätigen, daß hier ein Interesse der Öffentlichkeit zu Tage tritt, das es der guten Sache nutzbar zu machen gilt.

Die Vergabe des Plagiarius unterscheidet sich um einiges gegenüber den üblichen Preisverleihungen, bei denen eine Auswahl eingesandter Bewerbungen von einer Jury ausgezeichnet wird:
- Zwar gibt es Laudatoren und eine Trophäe, doch es erscheint kein Preisträger, um den ungeliebten Zwerg in Empfang zu nehmen.
- Zwar ist Medienpräsenz beim Akt der Verleihung grundsätzlich sehr begehrt, doch würden die "Ausgezeichneten" alles tun, um öffentliches Aufsehen und Presseresonanz zu vermeiden.
- Thema der Verleihung ist die Anklage der dreistesten Nachahmungen bestehender Produkte und Dienstleistungen zum Zwecke wirtschaftlicher Interessen - und eben nicht eine Würdigung ehrenvoller oder ehrenamtlicher Verdienste zum Wohle der Gesellschaft.

Wem wir hier begegnen, das ist letztlich die Karikatur des Preisträgers, und die Form der Preisverleihung ist nichts anderes als ein ironischer Akt der Herausstellung skrupelloser Eigeninteressen zum Schaden anderer. Das Herstellen von Plagiaten, Fälschungen, Raubdesign und Markenpiraterieprodukten ist und bleibt ein kriminelles Delikt; die Inflation der zu Dumpingpreisen abgesetzten Waren vernichtet den Plagiierten und führt zum Qualitätsabfall der Produkte. Zu oft setzen schlechte Materialqualität, mangelhafte Fertigung und Verarbeitung oder unzureichende Qualitätskontrollen etwa bei medizinischen Produkten, Spielzeugen und technischen Ersatzteilen die Gesundheit und Sicherheit der Konsumenten aufs Spiel.

Unter diesem Aspekt - und das ist nicht nur traurig, sondern auch skandalös - zeigt sich die Assoziation dieser Kette vom Ideenklau über die Billigproduktion hin zu Vertrieb und Endverbraucher ausgesprochen brisant und überraschend aktuell.

Daß sich das Europäische Patentamt besonders zum Schutz geistigen Eigentums verpflichtet fühlt und eine aktive Rolle im Kampf gegen derartige Formen der Wirtschaftskriminalität besetzen möchte, ist eines der Motive, warum ich mich entschlossen habe, im letzten Jahr persönlich Fördermitglied des Vereins Aktion Plagiarius zu werden.

Erlauben Sie, daß ich im Zusammenhang mit der hohen Bedeutung des Schutzes kreativen Erfindergeistes Ihnen kurz das Europäische Patentamt vorstelle.

Das Europäische Patentamt ist eine zwischenstaatliche Organisation mit mehr als 5500 Bediensteten, und der weiterhin wachsende enorme Bedarf an international gut ausgebildeten Prüfern zeigt, wie die Pflicht, geistiges Eigentum in industriellen und technologischen Bereichen zu schützen, ernst zu nehmen ist. Das EPA ist keine Einrichtung der Europäischen Union. Errichtet wurde es auf der Grundlage des 1973 in München unterzeichneten und 1977 in Kraft getretenen Europäischen Patentübereinkommens; es besitzt neben dem Hauptsitz in München eine Zweigstelle in Den Haag und weitere Dienststellen in Berlin und Wien.

Die Idee ist im Prinzip, modellhaft eine Kooperation der europäischen Staaten auf dem Gebiet des gewerblichen Rechtsschutzes zu erreichen. Das EPA hat die Aufgabe, europäische Patente nach einem einheitlichen und zentralisierten Verfahren zu erteilen. Dabei bleibt es finanziell vollständig selbsttragend und administrativ weitgehend unabhängig. So bezieht es seinen Betriebs- und Investitionshaushalt ausschließlich aus den Verfahrens- sowie z.T. aus den Jahresgebühren für erteilte europäische Patente.

Zur Zeit gehören 26 Staaten in den Zuständigkeitsbereich der Europäischen Patentorganisation, nämlich alle EU-Mitgliedsstaaten sowie das Fürstentum Liechtenstein, die Schweiz, das Fürstentum Monaco, Bulgarien, Estland, Tschechien, Ungarn, Slowenien, die Slowakei, Türkei und Zypern. Konsequente Dreisprachigkeit (Deutsch, Englisch und Französisch) sichert den professionellen Rahmen des EPA.
Wenn Sie also ein Patent anmelden möchten, brauchen Sie es nur in einer der drei Amtssprachen einzureichen, über epoline®, unser mittlerweile auch in elektronischer Form existierendes e-service-System.

Um Ihnen eine Vorstellung von der Größenordnung zu geben, in der wir uns bewegen: so lag etwa die Zahl der letztes Jahr eingereichten europäischen Patentanmeldungen bei über 160 000.

Vorbeugen können Sie als Erfinder durch den Erwerb und die Nutzung von Sonderschutzrechten, d.h. Patenten, Warenzeichen, Gebrauchs- und Geschmacksmustern oder - bei als künstlerisch einzustufenden Leistungen - dem Urheberrecht, denn ohne diese Rechte steht Ihr Produkt in Deutschland nahezu frei zur ungehinderten Nachahmung.

Vor dem Hintergrund der knapp skizzierten Ausführungen mag deutlich geworden sein, wie schützenswert gedankliche Leistung ist und wie viel noch getan werden muß, um Erfindergeist und Kreativität vor Ideenräubern zu bewahren.

Meine Damen und Herren, ich darf nun endlich dazu übergehen, Ihnen die Preisträger des Plagiarius 2003 namentlich vorzustellen.

Fünf Auszeichnungen für internationale Plagiatoren gehen an:

- Fa. Better Design Products Company Ltd., China, für das Plagiat der Isolierkanne "La Ola² der Fa. alfi Zitzmann GmbH, Wertheim
- Fa. Kobrink & Wagner GmbH, Essen, für das Plagiat der Ringe "Rosen" und "Seerosen" der Designerin Julia Oehler, Stuttgart
- Fa. Rubinetterie Zazzeri S.p.A., Italien, für das Plagiat der Waschtischarmatur "Tara" der Fa. Aloys F. Dornbracht GmbH & Co. KG, Iserlohn sowie an
- einen unbekannten chinesischen Hersteller für je ein Plagiat der Handbrause und des Brausensets "Relexa Plus Top 4" der Fa. Friedrich Grohe AG & Co. KG

Ausserdem erhält den Sonderpreis für eine Fälschung ein unbekannter chinesischer Hersteller für das Plagiat des Küchenmessersets "GLOBAL" der Fa. MASTER Cutlery Corporation, Japan.

Der Sonderpreis für Wiederholungstäter geht an M. Westermann & Co. GmbH, Arnsberg, für das Plagiat des Kreuzschwinger® Modell 0.2 des Designers Prof. Dr. Till Behrens

Auch in diesem Jahr werden wieder zwei Krämerseelenpreise verliehen; ausgezeichnet werden in diesem Jahr
- Norma Warenhandel GmbH, Nürnberg, für den Vertrieb des Plagiats des Korkenziehers "Leverpull Metal Edition" der Fa. Le Creuset GmbH, Notzingen
- Fa. Leissler GmbH Fundgruben und Fa. Weinsheim + Noor Handels GmbH, Rodgau, für das Plagiat der Spülbürste "Tim" der Fa. Koziol >>ideas for friends GmbH, Erbach

Und ­ der neu ins Leben gerufene Sonderpreis für Serientäter - geht an die Fa. China Tuhsu Zhejiang, China, für 11 Plagiate der Fa. Koziol >>ideas for friends GmbH, Erbach, z.B. für den Eierbecher Olaf, den Korkenzieher Sancho oder den Phone Butler Johnny.

Der dritte Preis kommt der chinesischen Firma Zhejiang Hangyu Ind.Co.Ltd. zu für das Plagiat des Trennschleifers 400 der Firma ANDREAS STIHL AG & Co.KG, Waiblingen.

Der zweite Preis wird der Firma Heart Basket, Korea, für das Plagiat von Henkelbecher und Minisnackteller der Serie "Update" der Firma KAHLA/ Thüringen Porzellan GmbH, Kahla, zugesprochen.

Der erste Preis geht an die Firma ALUTOP AG in Vaduz (FL) für das Plagiat einer Profilserie der Firma item GmbH, Solingen.

Ich glaube, in Frankfurt kann man nicht anders schließen als mit den Worten eines Johann Wolfgang von Goethe, der sich - obschon fern von Internetgesellschaft und Globalisierungsfolgen - mit folgenden Zeilen als ausgesprochen weitsichtig erweisen sollte:

Selbst erfinden ist schön;
doch glücklich von andern Gefundenes
Fröhlich erkannt und geschätzt,
nennst du das weniger dein?

Wir wollen es hoffen!

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.