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15.02.2002 - Rede von Dr. Dieter Hundt, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Arbeitgeberverbände e.V., anlässlich der Plagiarius-Verleihung 2002 in Frankfurt

 
Frau Oberbürgermeisterin,
sehr geehrter Herr Professor Busse,
meine Damen und Herren,

"wir sind heute zu einer eigenartigen Veranstaltung zusammengekommen. Es werden Leute ausgezeichnet, die dies keineswegs verdienen. Ich habe in den letzten Jahren bei vielen Preisverleihungen mitgewirkt, aber es ist das erste Mal, dass man mich aufgefordert hat, eine Lobrede auf Rechtsbrecher zu halten."

Meine Damen und Herren,
Ihnen kommt diese Einleitung bekannt vor? Sie kennen diese Worte? Sie waren letztes Jahr schon hier? Ich hoffe, Sie sehen mir dieses kleine Plagiat nach - es handelt sich um die Rede Ihres Laudators Henkel aus dem letzten Jahr. Meine Absicht war es, mich der Selbsterfahrung eines Plagiators zu unterwerfen. Eine für mich neue und zudem sehr weitreichende Selbsterfahrung - zumal Herrn Henkel und mir nicht nachgesagt wird, uns nach dem Mund zu reden.

Originalität und Qualität
Nein, selbst die Verleihung eines Plagiarius kann mich allenfalls zu einem kurzen Rollentausch verführen. Vor allem, aber nicht nur als Schwabe, halte ich es lieber mit Originalität und Qualität. Dies gilt für meine Aufgabe als Arbeitgeberpräsident ebenso wie für die Verantwortung als mittelständischer Zulieferunternehmer. Bei den Produkten meines Unternehmens, den Allgaier-Werken im schwäbischen Uhingen, handelt es sich um absolute Originale - vom Kofferraumdeckel eines Mercedes T-Modells bis zum Tank für die A-Klasse. Das hat im Automobilbau vor allem mit Haltbarkeit, mit Produktsicherheit und nicht zuletzt mit der Pflege guter Geschäftsbeziehungen zu tun.

Meine Damen und Herren,
für Originalität und Qualität gerade zu stehen - dies ist in der heutigen Lebens- und Konsumwirklichkeit eine besondere Herausforderung. Zwar besteht das Leben seit Menschengedenken aus Wahrheit und Täuschung, aus Originalen und aus Fälschungen. Der höchstwahrscheinlich letzte Mensch, der nichts plagiert hat - so George Bernhard Shaw - war Adam. Aber gerade in dieser Hinsicht sind wir heute weit weg von Adam - moralisch ebenso wie technisch.
Der rasante technische Fortschritt bedeutet auch eine Inflation der Möglichkeiten für Kopien und Plagiate. Die Globalisierung hat dafür ein gigantisches Verteilungspotenzial. Auf digitalen Wegen stehen Blaupausen und Muster für Millionen von Internetnutzern zur Verfügung, die zur Nachahmung animieren und verführen. Das Internet verspricht gerade dafür immer noch eine grenzenlose Freiheit. Die User haben sich daran gewöhnt, permanent auf Gratis-Wellen zu surfen, zum Beispiel wenn sie Lieblingssongs aus dem Netz herunterladen. Dies und die allgegenwärtige, weltweite Werbung machen Marken und Produkte bis in den letzten Erdwinkel bekannt. Nicht immer geht es dabei so - in Anführungszeichen - "ehrlich" zu, wie ich im Fernen Osten (Bali) beobachten konnte. Dort priesen fliegende Händler ihre Uhren mit der Bemerkung an: "Buy Bolex, original Copy from Taiwan".

Meine Damen und Herren,
nicht nur Uhren, kein Produkt, kein Lebensbereich ist vor Fälschungen und Änderungen mehr sicher, ja nicht einmal mehr der Mensch. Selbst dem "Golem" (durch Zauber zum Leben erweckte menschliche Tonfigur der jüdischen Sage, als Werk Rabbi Löws vor ca. 100 Jahren in Prag erschienen) sind wir schon sehr nah gekommen. Die Schönheitschirurgie ist fast zur Normalität geworden. Viele Menschen wollen nicht nur straff und tough aussehen, manche möchten gleich die Züge ihrer Idole teilen. Der chirurgische Weg hat aber immer noch einige Tücken, wie sie etwa Michael Jackson auf seiner gesichtschirurgischen Reise zu Diana Ross erfahren musste. Diesem Manne wird wohl nicht mehr geholfen werden können. Später Geborenen könnte aber die zweifelhafte Gnade zuteil werden, ihren Perfektionsgrad mit Hilfe der Genforschung zu steigern.

Situation in der Wirtschaft
Meine Damen und Herren,
vor allem bekannte Markenprodukte sind beliebte und lukrative Objekte von Fälschern, die damit illegalen Handel von gewaltigem Ausmaß betreiben. Betroffen sind Produkte aller Branchen - von Autoteilen über Jeans bis zu Kosmetikartikeln. Die Fälscher schmarotzen vom aufwendigen Entstehungsprozess eines Markenproduktes, das ein Höchstmaß an geistigem und kreativem Einsatz der Unternehmen, der Erfinder, Designer, Ingenieure und Marketingspezialisten erfordert.

Rücksichtslos eignen sich die Fälscher diese Produktideen an, um sich zu bereichern und die Gesamtwirtschaft zu schädigen - im illegalen Handel im kleinen oder im großen Stil. Nein, ein Plagiat ist nicht die "aufrichtigste Form der Verehrung", wie Alfred Polgar einmal meinte, sondern die niederträchtigste. Produkt- und Markenpiraterie sind organisierte Kriminalität mit einem enormen wirtschaftlichen Schaden, der gravierende Folgen hat. Unter der Produktpiraterie leiden zum Beispiel ganz besonders auch Software-Häuser. Auch wenn im Jahr 2000 die Raubkopierrate auf 28 Prozent reduziert wurde, lag der Schaden immer noch bei fast 650 Millionen Euro.
Plagieren ist dreist. Auch da hat Ihre Aktion recht. Und fast immer ist es auch einfallslos. Ausnahmen davon, zu denen mancher den Fälscher Kujau zählt, gibt es so gut wie nicht. Kujau hatte im übrigen - Sie werden sich erinnern - 1983 mit angeblichen Hitler-Tagebüchern Geschichte geschrieben und die größte Krise des Sterns ausgelöst.

Meine Damen und Herren,
immer mehr Unternehmen sind aufgewacht, Sie sehen es als ihre ureigene Aufgabe an, die kriminellen Machenschaften ihrer Widersacher zu bekämpfen. Im Einfallsreichtum, ihre Produkte zu schützen, stehen viele Firmen der kriminellen Energie der Produktpiraten nicht mehr nach. Dazu gehören ausgesprochen intelligente Sicherheitsmerkmale, wie etwa Hologramme auf den Produkten. Gleichwohl wäre es töricht, allein auf diesen Schutz zu vertrauen.

Gesellschaftliche Aufgabe
Meine Damen und Herren,
über die "technische Abwehr" hinaus ist Produktpiraterie ein allgemeines Problem, zu deren Abwehr Politik und Gesellschaft verpflichtet sind. Mit der EG-Anti-Piraterie-Verordnung (von 1988) und dem Produktpirateriegesetz (von 1990) sind die rechtlichen Abwehrwaffen schärfer geworden. Sehr viel zu tun bleibt aber in der Überzeugungsarbeit auf dem Markt. Die Käufer, die sich bewusst für Plagiate entscheiden, müssen begreifen, dass es meist wertloser Schund ist, den sie kaufen. Ich meine, niemand kann und sollte sich das leisten!
Und denjenigen, die ahnungslos über den Tisch gezogen werden, müssen die Augen für Qualität geöffnet werden. Gerade ihre schlechte Qualität verrät die Plagiate. Fälscher können meist nur kopieren, ohne zu kapieren: "Eine gute Idee zu klauen, ist eine Kunst für sich", bemerkte der amerikanische Cartoonist Jules Pfeiffer.
Wie selten dies gelingt, zeigt eindrucksvoll Ihre Plagiate-Ausstellung in der Kulturbrauerei am Prenzlauer Berg in Berlin. Mich stoßen - vielleicht weil ich Ingenieur und zudem Schwabe bin - derlei schlecht gearbeitete, lieblose Dinge, billige Sachen fast schon körperlich ab.

Meine Damen und Herren,
wir brauchen den "Plagiarius", die Initiative, die dem Kampf gegen die Plagiate einen Namen und ein Gesicht gibt. In seiner nun 25jährigen Geschichte hat er viele Erfolge erzielt. Plagiarius hat einen Bewusstseinswandel erreicht und den Blick der Öffentlichkeit für Original und Fälschung geschärft.

Politischer Teil
So einen Plagiarius, meine Damen und Herren, wünsche ich mir auch für die Politik. So schädlich und so unerwünscht Produkt- und Markenpiraterie sind, so erwünscht ist aus meiner Sicht eine gewisse "Politikpiraterie". Es fehlt an "positiven Nachahmern", die Regeln und Methoden in der Sozial- und Wirtschaftspolitik übernehmen, die sich in anderen Ländern bewährt haben. Benchmarking ist der Schlüssel dazu, von dem wir in Deutschland so wenig wissen wollen. Steuersystem vereinfachen, Arbeitsmarkt entflechten, Sozialversicherungssysteme reformieren - das alles haben Länder wie etwa Großbritannien und die Niederlande vorgemacht - es liegt alles zum Nachmachen bereit. Ganz besonders viele europäische Vorbilder gibt es auch in der Bildungspolitik. In Deutschland so scheint es aber, ziehen wir ein verkorkstes Original der Kopie einer guten Wirtschafts- und Sozialpolitik vor.
Beim Bündnis für Arbeit, Ausbildung und Wettbewerbsfähigkeit haben sich Bundesregierung und Gewerkschaften jetzt nicht wirklich getraut, den erfolgreichen Weg anderer Länder zu gehen. Das Ende 1998 ins Leben gerufene Bündnis ist ein Nachzügler in Europa, zu dem das Vorbild Niederlande ermutigte. Die Niederländer waren mit ihrem Bündnis von Wasenaar erfolgreich. Von Beginn 1982 an hat dort eine beschäftigungsorientierte Tarifpolitik im Mittelpunkt gestanden. Nach dem vom deutschen Bündnis vermittelten Erfolg einer beschäftigungsorientierten Lohnrunde mit 600.000 neuen Arbeitsplätzen im Jahr 2000 und 2001 haben sich die Gewerkschaften wieder davon abgewendet. Sie wollen jetzt die Rezession mit möglichst hohe Lohnzuwächsen bekämpfen.

Schlusswort
Meine Damen und Herren, ein solcher Preis ist Zukunftsmusik und vielleicht- das würde mich sehr freuen - doch nicht nötig. Im Hier und Jetzt des Raums "Illusion" auf der Frankfurter Messe gehört gleich dem schwarzen Zwerg mit der goldenen Nase die Bühne. Die zweifelhafte Ehre, ihn errungen zu haben, wird in wenigen Minuten drei Firmen aus verschiedenen Ländern zuteil. Für die Einladung zu dieser Preisverleihung danke ich herzlich und wünsche Ihnen und dem tatkräftigen Plagiarius Zwerg weiterhin viel Erfolg. Er ist wirklich unnachahmlich.



 
 
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