15.02.2002 - Rede von Frankfurts
Oberbürgermeisterin Petra Roth anlässlich
der Plagiarius-Verleihung 2002 in Frankfurt
Preise, die keiner haben will -
die sprichwörtlichen Goldenen Zitronen - gibt
es in vielen Bereichen. Meistens betreffen die ein
ästhetisches Ärgernis:
die schlechteste Werbung,
verunglückte rhetorische Leistungen,
dauerhaft schlecht sitzende
oder schlecht gewählte Kleidung.
Dies alles ist der Plagiarius Award nicht. Er prangert
kein ästhetisches Manko an. Er prangert einen geistigen
Diebstahl an, aus dem Profit geschlagen wurde.
Nun ist Diebstahl in der materiellen Form strafbar,
aber die Verfolgung von Diebstahl in immaterieller
Form ist ausgesprochen schwierig. Das ist verwunderlich,
denn der Schaden aufgrund geistigen Diebstahls ist
sicherlich höher als die Schäden bei materiellem
Diebstahl.
Auf bis zu 300 Mrd. Euro wird weltweit der Schaden
durch die sogenannten Produktpiraterie geschätzt.
Eine gewaltige Summe, die einen wirtschaftlichen
Schaden abbildet, aber auch Arbeitsplätze, die nicht
realisiert werden können.
Ursprünglich war mit dem Begriff "plagiarius"
ein Menschendieb, ein Seelenverkäufer gekennzeichnet.
Auf diese Form des Plagiates stand die Todesstrafe.
Davon sind wir heute doch weit entfernt.
Aber: Ein wenig von der ursprünglichen Bedeutung
ist im Begriff des Plagiates heute noch enthalten.
Einem englischen Wörterbuch des 18. Jahrhunderts
ist die wohl noch heute gültige Umschreibung
zu entnehmen: Diebstahl geistigen, vor allem literarischen
Eigentums. Tatsächlich geht geistiges Eigentum
aber weit über die Literatur hinaus. Es beinhaltet
die Idee, Konzeption und Umsetzung eines beliebigen
geistigen Produktes, sei es ein Roman, eine Oper
oder - ein Produkt, das auf dem Markt gehandelt
werden soll.
Ein Plagiator - ich halte auch den Begriff des Produktpiraten
für angemessen - nimmt eine verbotene Abkürzung.
Er macht sich nicht die Arbeit des Entwerfens und
Umsetzens einer Idee, sondern eignet sich fremde
geistige Leistung zu eigenem Profit an.
Ich hatte den Begriff "Eigentum" erwähnt. Nur
vor diesem Begriff des Eigentums lässt sich
das Plagiat verstehen. Denn Eigentum ist eine zentrale
politische Kategorie des modernen Staates. Unserer
Wirtschaftsordnung liegt ein Eigentumsbegriff zugrunde,
der zurückgebunden ist an die individuelle
menschliche Tätigkeit. Gleichzeitig ist dieser
Eigentumsbegriff auch das notwendige Strukturprinzip
einer Marktordnung. Totalitäre Staaten kennen
keinen individuellen Eigentumsbegriff, daher auch
kein Plagiat.
Ich will einen Schritt weitergehen. Der Eigentumsbegriff
der Marktwirtschaft ist mit einem Menschenbild verknüpft,
das letztlich einer demokratisch verfassten Gesellschaft
angemessen ist. Das Grundgesetz schützt explizit
das Eigentum, und dies aus gutem Grund. Die Aufhebung
der Rechtsgarantie des Eigentums ist der erste Schritt
zur Aufhebung der Grund- und Freiheitsrechte, die
eine freiheitlich demokratische Ordnung auszeichnet.
Der englische Philosoph John Locke hatte es auf
den Punkt gebracht: der Staat sei dazu geschaffen,
Leben, Freiheit und Eigentum seiner Bürger zu schützen.
Das öffentliche Bewusstsein für das geistige Eigentum
und seine Gefährdungen zu sensibilisieren ist eine
der Aufgaben des Plagiarius Award. Eine andere ist
es, die Täter an den Pranger zu stellen, was vielfach
erheblich wirkungsvoller sein kann als eine Geldstrafe,
die häufig in einem grotesken Missverhältnis zudem
Gewinn steht, den ein Plagiat erzielen kann. Das
letztere Strategie auch ihre Tücken haben kann mussten
allerdings die Engländer im 19. Jahrhundert erfahren.
Um das englische Freihandelssystem vor deutschen
Billigexporten zu schützen, die häufig minderwertige
Imitationen englischer Qualitätsware waren, sollte
der englische Verbraucher durch den Aufdruck "Made
in Germany" gewarnt werden. Die Geschichte weiß
allerdings, dass diese Form der versuchten Stigmatisierung
schnell ins Gegenteil umgeschlagen ist. Heute steht
"Made in Germany" für Qualität, wird "Made in Germany"
zum Ziel von Plagiatoren. Deutschland hat auf Innovation
und Qualität gesetzt, nicht auf Imitation. Dies
war die Voraussetzung des Erfolgs.
Vielleicht liegt hier eine kleine Moral in der Geschichte:
dass eine erfolglose Produktpiraterie dazu führt,
dass sich eine Firma umstellt und sich auf einen
fairen Wettbewerb mit eigenen Produktideen einstellt.
Sicherlich ist ein Plagiat eine zweifelhafte Form
der Anerkennung
- der Plagiarius Award ist es auch.
Wenn der Award aber einen solchen Effekt hat, so
hat er ein Ziel erreicht, die schwarzen Schafe der
Branche zu ermutigen, sich nicht mit unlauteren
Mitteln zu bereichern, sondern Energie und Phantasie
in eine andere Richtung zu lenken, die mit der Anerkennung
des Eigentums vereinbar ist.