6. November 2001 Rede von Professor
Rido Busse anlässlich der Eröffnung des "Museum
Plagiarius in Berlin"
Hans Peter Stihl sagte einmal zu
mir, als ich ihm von einem Reden-Auftrag erzählte:
"Denke immer daran, eine gute Rede muss kurz sein,
und sie ist nur für den interessant, der sie hält
und für die, die darin vorkommen, nicht für die,
die aufs Essen warten." An diese Empfehlung werde
ich mich auch diesmal halten!
Meine Damen und Herren, liebe Freunde.
Zunächst sage ich Ihnen, worüber ich nicht sprechen
werde: Nämlich darüber, daß der Plagiarius ein Negativ-Preis
in Form eines schwarzen Gartenzwergs mit goldener
Nase ist. Auch nicht darüber, daß es diesen Preis
seit 26 Jahren gibt und er alljährlich auf der Frankfurter
Messe "Ambiente" verliehen wird. Ich werde auch
nicht sprechen über die Schäden, nämlich 20 Milliarden
Mark pro Jahr, die durch Plagiate der deutschen
Volkswirtschaft zugefügt werden, und ich werde nicht
darüber sprechen, daß dadurch etwa 40. 000 Arbeitsplätze
per anno in Deutschland verloren gehen.
Daß der Plagiarius als Ein-Mann-Bürgerinitiative
1977 aus Zorn entstanden ist, wissen Sie und Sie
wissen auch, daß der Plagiarius wesentlich dazu
beigetragen hat, daß wir 1989/90 das neue Gesetz
gegen Produkt- und Markenpiraterie sowie das neue
Geschmacksmu-sterrecht bekamen. Daß diese gesetzlichen
Neuerungen zwar hilfreich sind, aber keineswegs
befriedigen, ist auch bekannt und, daß die Gerichte
jetzt zwar die Möglichkeit haben, Plagiatoren bis
zu 5 Jahre ins Gefängnis zu schicken, dies die Plagiatoren
aber überhaupt nicht schreckt, wissen Sie auch,
denn bisher wurde diese Strafe noch nie verhängt,
nicht einmal eine klitzekleine Haftstrafe auf Bewährung.
Über all das spreche ich nicht.
Auch nicht darüber, daß der Plagiarius längst schon
messbare Erfolge hat, nämlich die, daß sich 5 bis
10% der Plagiatoren allein durch die Ankündigung
der Wettbewerbsteilnahme mit dem Originalhersteller
einigen. Kurzum, all das wissen Sie oder können
es nachlesen in unseren Unterlagen und den Presseberichten.
Aber was Sie wahrscheinlich nicht wissen und worüber
ich sprechen will, ist: In Deutschland gibt es unglaublich
viele Kultur- und Wirt-schaftspreise, und auch der
Plagiarius ist ein solcher.
Meine Damen und Herren, kennen Sie das "Handbuch
der Kulturpreise und der individuellen Künstlerförderung
in der Bundesrepublik Deutschland"? Es ist 1.400
Seiten stark, im Auftrag des Bundesinnenministeriums
von Carla Vorbeck erstellt und im DuMont Verlag
in Köln 1985 erschienen. Darin sind über 6.000 Kultur-
und Wirtschaftspreise unterschiedlichster Art aufgelistet
- wohlgemerkt Kultur- und Wirtschaftspreise. Wenn
man die (seit 15 Jahren) neu hinzu gekommenen Preise
und die anderen Auszeichnungen, einschließlich die
aller Sportarten und Kaninchenzüchter hinzu zählt,
dürften es über 35.000 sein. In diesem Buch Ð die
Neuauflage ist in Vorbereitung - sind so angesehene
Auszeichnungen aufgeführt wie der Goethe-Preis der
Stadt Frankfurt, der Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels und der Ernst-von-Siemens-Musikpreis,
mit 150.000,-- Mark der am höchsten dotierte deutsche
Preis. Es gibt aber auch schlankere Kaliber wie
den "Buxtehuder Kleinkunst-Igel".
Selbstverständlich ist in diesem Buch auch der Plagiarius
vertreten, und wie prominent der mittlerweile ist,
meine Damen und Herren, liebe Freunde, sehen Sie
auf diesem Plakat zum Schweizer Designpreis, wo
er in bester Gesellschaft, nämlich der des Oscars,
des Nobelpreises und der goldenen Palme von Cannes
und noch einigen wenigen wichtigen gezeigt wird.
Eine Plagiarius-Urkunde hängt sogar in Taiwan in
der Empfangshalle eines Unternehmens, dem sie vor
8 Jahren zugeschickt wurde, und das wahrscheinlich
heute noch nicht weiß, womit sie sich da brüsten.
Was ich Ihnen weiterhin nahe bringen möchte, ist
das Konzept des Mu-seums, das wir heute der Öffentlichkeit
übergeben: Während der Plagiarius bisher nur auf
der Frankfurter Messe "Ambiente", nach me-dienwirksamer
Verleihung und während der 4 Messetage auf 300 qm
Ausstellungsfläche gezeigt wurde, haben wir hier
im Museum die den Plagiatoren angsteinflössende
Möglichkeit, ganzjährig anzuprangern und das auch
noch über Jahre. Das Museum erlaubt neben dem er-sten,
zweiten und dritten Preis sowie den sieben Auszeichnungen
und den Sonderpreisen für Wiederholungstäter, Fälscher
und Krämerseelen (der Krämerseelenpreis ist für
die, die mit Plagiaten handeln) eine weitere Plagiatorenfolter:
Plagiarius kann jetzt Plagiate, die zwar hoch gepunktet
worden waren, aber nicht hoch genug um in die Preisträgerriege
zu kommen, als museumswürdig einordnen. Ich muß
allerdings wieder und wieder darauf hinweisen, daß
die Aktion Plagiarius sich niemals angemaßt hat,
Recht zu sprechen, sondern stets nur interessiert
war, auf Unrecht aufmerksam zu machen. Eine Verpflichtung,
zu der sich jeder berufen fühlen sollte.
Das Museumskonzept sieht vor, auf der Ausstellungsfläche
bis zu 200 Plagiat-Units in Körperlichkeit und als
Fotos zu zeigen. Sie sind nicht zeitlich geordnet,
aber jederzeit bestimmbar. Nur nach den Preisverleihungen
werden die neuesten Plagiat-Units zusammengefasst
ein Jahr lang gezeigt. Hier Ð neben der Ausstellung
- entsteht der Vortragsbereich mit 108 Sitzplätzen
sowie allem Schulungsequipment und nebenan ein Seminarraum
mit 26 Plätzen. In Zusammenarbeit mit der Humboldt
Universität, vertreten durch Herrn Prof. Dr. Adrian,
der Hochschule Weißensee, vertreten durch den Rektor
Prof. Ernst, (beide sind auch Gründungsmitglieder)
sowie mit weiteren Hochschulen und Bildungsstätten,
Verbänden und Kammern können hier fachbezogen oder
interdisziplinär Veranstaltungen durchgeführt werden.
Wir haben ein Archiv mit sämtlichen, die hier gezeigten
Plagiat-Units betreffenden, Unterlagen. Studenten,
Diplomanden, Doktoranden, Habilitanden können diese
als Arbeitsunterlagen nutzen.
Darüber hinaus haben wir einen Raum mit 55 qm Grundfläche.
Dort möchte ich ein fertigungstechnisches Material-Archiv
einrichten, in dem ca. 50 Basis-Fertigungstechniken
vorgestellt und 2.000 bis 3.000 Materialproben und
Ðmuster vorhanden sein werden. Designer und Ingenieure
sollen ja nicht nur positiv ästhetische Produkte
entwickeln, sondern sie sollen auch wissen, wie
und woraus sie diese Erzeugnisse wirtschaftlich
herstellen können.
Während das Material- und Fertigungstechnische Archiv
und das Plagiarius Archiv den Studenten und wissenschaftlich
Arbeitenden kostenlos zur Verfügung steht, müssen
wir verständlicherweise für Saal, Seminarraum und
Equipment Gebühren verlangen. Wir können und dürfen
uns nicht nur auf Spenden verlassen. Schuldenfrei
ist das Museum Plagiarius nur, wie Museumsleiterin
Christel Kluge bereits erwähnte, weil die Personalkosten
befristet noch auf anderen Schultern ruhen. Der
laufende Museumsbetrieb einschließlich Miete, Personalkosten,
Elektrizität, Versicherung und Veranstaltungen wird
sich voraussichtlich auf etwa eine halbe Million
Mark jährlich belaufen. Wir sind aber guten Mutes,
daß wir dies mit Medien-Unterstützung und unseren
Spendern aufbringen werden.
Seit ich weiß, daß wir am 6. November 2001 dieses
Museum der Öffentlichkeit übergeben werden, denke
ich darüber nach, meine Da-men und Herren, mit welchen
Gefühlen ich hier stehen werde. Klar, ein wenig
Stolz ist dabei. Stolz auf das, was hier von vielen
geleistet wurde. Aber im wesentlichen ist es das
Gefühl der Dankbarkeit. Eine tief empfundene Dankbarkeit
gegenüber allen, die dafür gesorgt haben, daß dieses
weltweit erste und einzige Museum in dieser Form
entstehen konnte.
Mein Dank geht zunächst an die Gründungsmitglieder
des Vereins "Museum Plagiarius in Berlin e.V." und
da bedanke ich mich besonders bei Gründungsmitglied
Prof. Dr. Gertrud Höhler, daß sie uns nicht verhauen,
mit Pech übergossen und gevierteilt hat, sondern
nur Unprofessionalität vorwarf hat, weil sie wegen
einiger Verfahrensfehler drei Mal ihre Unterschrift
leisten mußte. Tiefempfundener Dank an die Spender,
die mit sehr großen und auch mit ganz kleinen Beträgen
und Sachspenden geholfen haben, den heutigen Zustand
zu erreichen. Dank an Christel Kluge, Leiterin des
Museums, für ihre überaus freundliche Begrüßungsrede.
Ich freue mich, daß es ihr gelungen ist, ihr hitziges,
wildes Temperament - meinem Ratschlag folgend -
ein wenig zu dimmen und mehr Gelassenheit zu zeigen.
Sie hat in den vergangenen Monaten bewiesen, daß
meine Entscheidung, sie zur Leiterin des Museums
zu machen, richtig war. Außer Frau Kluge möchte
ich namentlich noch danken: Herrn Dirk Röder, der
ein erstklassiger Handwerker und Fachmann ist, unglaublich
viel kann und - ohne dessen Rat und Tat - wir ziemlich
alt ausgesehen hätten. Ich würde ihn gern abwerben,
aber weiß der Teufel warum, er zieht Berlin Ulm
vor. Ich danke der Aktion Plagiarius dafür, daß
sie alle Plagiat-Units, dem Museum als Dauerleihgabe
zur Verfügung stellt. Ich danke den Medien und deren
Vertretern, daß sie den Plagiarius so populär gemacht
haben, denn ohne dies hätte er nie den Ruch des
Fürchterlichen bekommen. Ich danke den leitenden
Mitarbeitern bei busse design ulm, daß sie Verständnis
dafür hatten, daß ich mich in den letzten Monaten
nicht allzu sehr um sie kümmern konnte. Dank auch
allen Helfern, die dafür gesorgt haben, daß wir
heute Abend hier feiern können und last not least,
Dank meiner Familie und besonders meiner Frau, auf
deren Rat, Verständnis und Unterstützung ich mich
seit über 40 Jahren verlassen kann.
Seit ich 1980 zum ersten Mal Kontakt mit Vertretern
des Bundesjustiz-ministeriums hatte, habe ich eine
Vision: Staatsbesucher des Bundespräsidenten, Kanzlers,
Außenministers, Wirtschaftsministers und seit neuem
des Kulturbeauftragten sollen durch eine Ausstellung
wie diese geführt werden; damit sie eine Vorstellung
davon bekommen, was Plagiatoren und Fälscher allen
Volkswirtschaften antun!
Zum Schluß möchte ich mich noch bei der Lottogesellschaft
bedanken, dafür, daß wir die beantragten 250.000,--
Mark nicht bekommen haben, mit denen wir so fest
gerechnet hatten. Sie hat uns mit dieser Ablehnung
zu ungeahnten Leistungen motiviert. Leistungen,
die bewiesen haben, daß man auch ohne staatliche
Unterstützung zurecht kommt - mit Hilfe der Industrie,
des Handwerks, des Handels, der Messegesellschaften,
der Medien und auch mit Hilfe von Privatpersonen.
Dafür also der Lottogesellschaft herzlichen Dank.
Ich freue mich sehr, Sie als Zuhörer hier zu
haben - DANK dafür!